Mein Blog   

Bitte hier zunächst die gewünschte Kategorie wählen (z.B. "DL1JWD"), sonst geht es durcheinander wie Kraut und Rüben!!!

 

 

 

 


22. April 2017, 15:41

Die Hinterhoftreppe


Um das Haus durch den Hintereingang zu verlassen, muss ich eine längliche Kammer durchqueren -- die "Rollkammer", weil früher hier mal eine Wäschemangel stand. Der Raum wird von den kleinen Glasfensterchen, die den oberen Abschluss der schweren Außentür bilden, nur spärlich erhellt. Das Muster der fünf leuchtenden Scheiben hat sich tief in mein Gehirn eingebrannt und erweckt allerfrüheste Kindheits­erinnerungen, als ich von Mutter in die dunkle Rollkammer gebracht und auf's Töpfchen gesetzt wurde. Oft zerflossen die hellen Vierecke in einem Tränenschleier, wenn man vergessen hatte mich nach vollbrachter Mission wieder abzuholen.

Durch die massive und mit zwei stabilen hölzernen Riegeln abgesicherte Hintertür verließ Vater halb vier Uhr in der Frühe das Haus, um mit dem Fahrrad zum 3km entfernten Bahnhof zu gelangen, von wo aus es zur Arbeit nach Borna und später nach Chemnitz ging. Sonntags starteten wir von hier aus in die Kirche, die auf der Anhöhe direkt hinter dem Haus thronte.

Nachdem ich einen der beiden Holzriegel beiseite geschoben habe kann ich die Tür mühelos öffnen. Draußen führt ein kurzer schattiger Gang entlang der Hauswand zum schräg abfallenden Hinterhof. Die dem Hang zugewandte Seite wird von einer maroden Mauer begrenzt. Krumm und schief hält dieses aus losen Granitbrocken geschichtete und ehemals schnurgerade Bauwerk aber auch heute noch dem Druck des Erdreichs stand. Das Ende der Mauer bildet eine kaum noch als solche erkenntliche und teilweise mit Unkraut überwucherte sechsstufige Treppe. Nur die oberen drei Stufen aus rotem Rochlitzer Porphyr sind noch im Originalzustand erhalten, die übrigen wurden abgebaut und durch Betonbrocken und hochkant gesetzte Ziegelsteine notdürftig ersetzt.
Immer wenn wir zu Wochenbeginn ins Oberschulinternat gen Rochlitz aufbrachen, mussten wir das gut bepackte Fahrrad zunächst diese Treppe hochhieven, um es dann dutzende Meter steil bergan zu schieben, bis wir endlich, ziemlich außer Atem, uns auf der Höhe in den Sattel schwingen konnten.

Diese Treppe hatte aber für mich noch eine ganz andere Bedeutung – sie diente mir als unbestechliches 'Messinstrument' für Sprungkraft und allgemeine Fitness. Quasi erfüllte sie die Funktion eines „Analog-Digital-Wandlers“ – zumindest ein Ingenieur wird sofort verstehen, was ich damit meine. Der kräftezehrende Anlauf und der Absprung waren schwierig, stolz war ich, als ich als 10jähriger endlich vier Stufen geschafft hatte, Jahre vergingen in denen ich immer wieder versuchte eine Stufe mehr zu bewältigen, genaues Timing war wichtig, der Anlauf durfte nicht zu lang sein, denn der steile Anstieg vor dem Absprung reduzierte die für einen optimalen Absprung erforderlichen Kräfte. War der Anlauf zu kurz, wurde die notwendige Geschwindigkeit nicht erreicht und man landete bestenfalls auf Stufe vier.
Unvergessen dieser eine Morgen im Frühsommer 1963, an dem ich als 19jähriger ohne besondere Vorbereitungen und Anstrengungen wie von einer geisterhaften Kraft gehoben durch die Luft schwebte und völlig unerwartet auf der obersten Stufe landete – es war das erste und das einzige Mal, dass ich alle sechs Stufen in einem Satz bewältigen konnte! Alle nachfolgenden Versuche, dieses Wunder zu wiederholen, endeten bestenfalls auf der vorletzten Stufe, in späteren Jahren auch das immer seltener. Heute versuche ich es noch einmal, nach müdem Anlauf werden es mit Ach und Krach nur noch zwei Stufen, bezahlt mit einer schmerzhaften Zerrung am linken Fuß.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Januar 2015, 14:44

Im unheimlichen Kellergewölbe

Ich bin nun bereit für einen Abstecher in die finste­ren Regionen des weiträumigen Keller­gewölbes, das sich,​auf gleicher Ebene wie das Erdgeschoss des Hauses liegend, in zwei parallelen Gängen nach hinten tief in den Berg hineinbohrt.

Ich stemme mich gegen die eiserne Tür, bis diese schließlich quietschend nachgibt. Feuchte Kühle und totale Finsternis schlagen mir entgegen. Das elektrische Licht funktioniert natürlich nicht mehr, eine Taschenlampe habe ich nicht mit, und so bewege ich mich tastend auf den großen steinernen Fußboden­platten vorwärts, blind vertrauend auf mein Gedächtnis, in welchem jeder Winkel des Hauses unauslöschlich abgespeichert ist.

Ich passiere den langen Vorratstunnel, wo früher in Reih und Glied die Bier- und Limonadenkästen standen, dann den Kessel der Hauswasser­anlage und ahne am Echo meiner Schritte, dass Kartoffel- und Kohlenkeller wohl leergeräumt sein müssen.

Ich zähle mich, weiß Gott, nicht zu den Angsthasen, aber woher kommt plötzlich dieses beklemmende Gefühl? Woher auf einmal dieser kalte Luftzug und ist da nicht der leise bellende Raucherhusten des längst verstorbenen Mieters Bernhard Meschter aus dem hinteren Kellergang zu vernehmen? Ich halte den Atem an und lausche angestrengt in die Dunkelheit - nichts, nur das unnatürlich laute Klicken eines herabfallenden Wasser­tropfens bricht sich an den feuchten Wänden.
Raus hier!

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Januar 2015, 14:43

Das lichte Obergeschoss

Viel schneller als ich ihn betreten habe, verlasse ich den mir unheimlich gewordenen Keller wieder und steige tief durchatmend die knarrende Holztreppe hinauf zum lichtdurchfluteten ersten Stock. Hier liegen die Räume, in denen wir in den ersten Jahren (1943 - 1947?) und zuletzt wohnten, d.h. zwischen 1962 und 1968.
Ich betrete das vordere Zimmer, das uns später als so genannte "Gute Stube" diente und in dem ich am 5.August 1944 bei Vollmondschein geboren wurde. Wegen Fliegeralarms - die 20km entfernte Raffinerie in Rositz wurde wieder einmal bombardiert – konnte keine Hebamme kommen, so dass mich meine Mutter, so hat sie es erzählt, hier ganz allein entbunden und abgenabelt hat.
Durch die schmale Küche trete ich in die relativ große und deshalb sehr niedrig erscheinende Wohnstube ein. Fast muss ich den Kopf einziehen, denn die Decke ist teilweise eingebrochen, der Rest wird von einem krummen Balken nur noch mühsam gehalten. Durch einen schmalen Spalt schimmert das Licht vom Dachboden hindurch. Dieses Zimmer ist mir fremd geworden, denn der letzte Mieter hatte zur Straße hin hässliche größere Fenster einbauen lassen und die zur Scheune und zum Hof zeigenden Öffnungen wurden kurzerhand zugemauert.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Januar 2015, 14:16

Auf dem Dachboden


Von der "Roll-kammer" (früher stand hier eine große, mit Handkurbel betriebene, Wäsche-mangel) führt eine wackelige Holztreppe zum weitläufigen, zweige-­schossigen Dachboden. Die Stufen sind teilweise abgebrochen, ich muss mich in acht nehmen, um nicht abzurutschen. Die jetzt vor mir liegende große leere Fläche ist licht­überflutet, Staub und Spinnenweben vor den vier größeren Fenstern können der ein­dringenden Sonne nur schwachen Widerstand entgegensetzen. Im Winter und bei schlechtem Wetter sind wir als Kinder hier oben sogar Fahrrad gefahren. Jetzt dringt Feuchtigkeit durch das an mehreren Stellen defekte Dach, die Spuren ausgetrockneter Wasserlachen überdecken die staubigen Holzdielen. Ich verzichte darauf, noch eine Etage höher auf den ebenfalls sehr geräumigen Spitzboden hinauf­zusteigen, stattdessen wende ich mich dem Gewirr von Kammern zu, das sich über den Zwischenbau bis hin zum Kleinen Haus erstreckt.
Durch eine stabile Holztür mit herausgerissenem Schloss gelange ich in einen langgestreckten dunklen Verschlag, der nur von dem gegen­überliegenden kleinen Dachfenster spärlich erleuchtet wird. Im Halbdunkel stolpere ich über herumstehende Kisten und Kartons, Akten und Büchern liegen auf dem Fußboden verstreut. Dieser Teil des Dachbodens war seit dem Umzug unserer Familie nach Thalheim aufgrund einer Regelung mit dem damaligen neuen Hauseigentümer (Bürger­meister Max Unger) in unserer Obhut geblieben. Offensichtlich sind aber die umtriebigen Nachmieter, die in den Jahren nach der Wende in der unteren Wohnung hausten, auch hier eingebrochen und haben alles aus ihrer Sicht verwertbare beiseite geschafft.
Ich schleppe einen brüchigen und von Nässe durchfeuchteten Karton nach vorn zum erblindeten Dach­fenster, um den Inhalt bei Licht zu inspizieren. In der Mitte finden sich trocken ­gebliebene Geschäfts­bücher der Groß­eltern, in Omas gestochen klarer deutscher Tintenschrift sind Ein- und Ausgaben für den kleinen Laden aus dem Jahr 1908 vermerkt. Ich stoße auf Vaters Schulhefte von 1922 und halte eine von Feuchtigkeit angegriffene Kopie seiner in Weimar abgefassten Ingenieurarbeit in den Händen.
In einem verstaubten Aktenordner finde ich den akribisch genau zusammen­gestellten Behörden-Schriftwechsel zu Vaters Autobestellung, der sich seit 1960 über mehrere Jahre hinzieht. 1963 stand dann endlich der neue Trabant in der Scheune - Vaters ganzer Stolz. Diese Akte erscheint mir wert, als Beweismittel für spätere Generationen erhalten zu bleiben. Ich lege mir auch einige noch relativ guterhaltene Mathematik- und Geographie-Lehr­bücher aus den zwanziger Jahren beiseite. Schade, dass die Transportkapazität meines Fahrrad­s damit erschöpft ist. Ach, wäre ich doch lieber mit dem Auto hergekommen, so könnte ich noch viel mehr mitnehmen. Wer weiß, ob sich noch einmal eine so günstige Gelegenheit bietet, die neuen Besitzer werden das Haus wahrscheinlich bald abreißen lassen.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Januar 2015, 13:17

Der "Kompass fürs Leben"

Schon will ich den Dachboden wieder verlassen, da fällt mein Blick auf ein vom Regen durchfeuchtetes, schmuddeliges Buch im bunten zerrissenen Schutzumschlag. Ich wische die dicke Staubschicht weg und lese "Kompass fürs Leben" von einem gewissen Professor Nikolai Janzen (eine Übersetzung aus dem Russischen). Ach ja, dieses Buch hatte mir 1962 auf der EOS Rochlitz mein Schuldirektor Krügel persönlich geschenkt. Das war im Anschluss an eine „hochnotpeinliche Befragung“ im Lehrerzimmer, ich war wegen unbedachter Äußerungen über die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) von Mitschülern (ich habe ihnen inzwischen verziehen, sie wussten es damals einfach nicht besser) beim Rex angeschwärzt worden.
Ich hatte wohl gesagt, dass man die VVN eigentlich abschaffen könne, weil der Zweite Weltkrieg ja nun schon lange genug vorbei sei. Wegen dieser Naivität wäre ich fast von der Schule geflogen, man wusste sehr wohl, dass ich der Sohn eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds war und darüber hinaus nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte und außerdem christlich erzogen wurde und die "Junge Gemeinde" besuchte. Das war zu jener Zeit an der "Roten EOS" die denkbar schlechteste Ausgangsposition.
Der Rektor aber glaubte offensichtlich, dass er mich noch umerziehen könne.
Ich blättere in dem Buch und lese im Schlusskapitel: "Die Forderungen an die sozialistische Moral müssen hoch sein weil sie den ehrlichen werktätigen Menschen zu großen Leistungen, zu Heldentaten des sozialistischen Aufbaus anspornen und mobilisieren sollen. Geistige und moralische Zwerge, wie sie der Kapitalismus hervorbringt, sind dazu nicht fähig..".
Daneben steht meine mit Bleistift geschriebene Anmer­kung: "Der Sozialismus selbst ist es, der immer mehr Zwerge hervorbringt."
Offensichtlich hatte ich schon damals die Geduld mit den marxistischen Theorien verloren, die man uns im Geschichts- und Staatsbürgerkunde-Unterricht eintrichtern wollte und die sich immer offensichtlicher niemals in Taten umsetzen ließen.
Aber erst im späteren Leben und vor allem während meines SU-Studiums wurde mir so richtig klar, dass eine dogmatische Lehre wie der Marxismus/Leninismus eine gefährliche Halb­wahrheit ist, die der Dummheit Legimitation und Macht verleiht.
Die letzte beiden Jahre am Rochlitzer Gymnasium hatte ich endgültig gelernt, wie ich mich verhalten musste, um im Leben vorwärts zu kommen, also mit einem gespaltenen Ich zu leben und nie mehr öffentlich meine ehrliche Meinung zu sagen.
Bei der feierlichen Ausgabe der Abiturzeugnisse hat mir Rektor Krügel persönlich das „Goldene Schulabzeichen“ angeheftet. Wie ich erst später aus vertraulicher Quelle erfuhr, war er zur NS-Zeit selbst ein überaus eifriger Hitlerjunge gewesen.


26. Januar 2015, 13:06

Die letzte Bewohnerin


Irgendein fernes Geräusch schreckt mich aus meinen nostalgischen Träumereien. Deutlich ist das Schlagen einer Tür aus dem Erdgeschoss zu hören. Ich halte die Luft an. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mich illegal in einem Haus aufhalte, das nicht mehr mir, sondern unbekannten fremden Leuten gehört. Die schlurfenden Schritte sind immer deutlicher zu vernehmen, sie kommen langsam näher, als wüssten sie genau, wo sie mich in diesem Labyrinth von Gängen und Kammern aufzuspüren haben. Sofort denke ich an die grauenvollen Nächte, die uns unsere kindlich überreizte Phantasie genau in dem Zimmer bescherte, in dem ich mich gerade aufhalte. Allerdings ist jetzt nicht Mitternacht, sondern heller Tag und nicht der Vollmond, sondern die Mittags­sonne scheint durch die verstaubten Scheiben mit den schmutzigen Gardinenfetzen. Müde erklimmen die Schritte die knarrende Bodentreppe und sind, begleitet von leisem Ächzen und Schnaufen, geraume Zeit später in der benachbarten Bodenkammer zu hören. Die langen Dielen­bretter biegen sich unter der Last eines massigen Körpers. Gespannt und gefasst warte ich auf die Erscheinung, die sich diesmal sicher nicht bei Rechen und Mütze in Luft auflösen wird.
Dann endlich lüftet sich das Geheimnis: In den Rahmen der offenen Tür tritt die große gebückte Gestalt der alten Wanda Feuerstein, die letzte Bewohnerin des Hauses, jetzt gewissermaßen zu dessen Faktotum avanciert. Ihr Haar ist schlohweiß geworden, aber ihr faltiges Gesicht strahlt noch immer die gleiche Freundlichkeit und Güte wie früher aus. Sie erkennt mich sofort als den mittleren der drei Doberenz-Brüder, weiß sogar noch meinen Namen. Wanda wohnt nun seit mehr als 30 Jahren allein im Kleinen Haus (nachdem wir 1961 ins Große Haus umgezogen waren). Mein Vater redete später immer wieder davon, dass er als Rentner nach Rathendorf zurück­kehren und wieder ins Kleine Haus ziehen möchte ("Wenn Wanda einmal ausgezogen ist..."). Aber die zähe Wanda zog nie mehr aus, sie schlug hier ihre Wurzeln und Vater ruht nun schon seit mehr als drei Jahren in der Rathen­dorfer Erde.
Ich habe Angst um die Stabilität des Fußbodens, Gott sei Dank bleibt die gewichtige Wanda gebückt in der Türöffnung stehen. Wir sprechen über die Vergangenheit, über die Zeit, als Wanda noch erfolgreich und allseits hochverehrt als Schulköchin wirkte. Sie erinnert sich an einige unserer Streiche und an Anekdoten, die sie zusammen mit meiner Mutter erlebte. Sie erzählt mir aber auch von ihren aktuellen Nöten, von den nächtlichen Sauforgien des asozialen Gesindels, das der Bürgermeister hier im Haus nach Martha Meschters Tod einquartiert hatte.
Wir gehen nochmal gemeinsam durch die verwahrlosten Räume des Großen Hauses. Sie zeigt mir entrüstet die Stelle, wo die asozialen Mieter hemmungslos ihr Geschäft direkt durchs offene Fenster erledigten, da ihnen der Weg zum Trockenklo über den Hof offenbar zu beschwerlich wurde. Ohne überhaupt um Erlaubnis zu fragen, hatten diese Vandalen sogar die Front ihres Hauses mit einem Satelliten­spiegel verschandelt. Abgeplatzter Putz, große Löcher und ein hässlicher Riss in der Fassade waren die Folge. Sie klagt, dass sie vom neuen Hausbesitzer an der Nase herum­geführt wird, dass dieser das Haus mit Grundstück kurz nach der Wende für einen Pappenstiel erworben hatte, es jetzt aber für den zehnfachen Preis wieder verkaufen will, ohne nur eine einzige müde Mark für Sanierung ausgegeben zu haben. Bald würde sowieso alles abgerissen werden und dann wüsste sie nicht mehr wohin.
Aber noch schlimmer als ihre ehemaligen Mitbewohner seien die Halunken dort drüben, sagt sie und weist auf das unmittelbar benachbarte ehemalige Gotthardt'sche Haus, dem ein ähnliches Schicksal wie unserem widerfuhr, dessen baulicher Zustand aber noch weitaus bedenklicher zu sein scheint. Wanda besteht darauf, dass ich mir das Gotthardt'sche Haus genauer ansehe. Sicherlich möchte sie mich davon überzeugen, dass sie vergleichsweise fast wie in einer Villa wohnt. Ich tue ihr den Gefallen und laufe ein paar Schritte auf der wackligen Gartenmauer, um durch eine Lücke im Blätterwald des alten Königsapfelbaums auf das Nachbar­grundstück zu spähen. Es ist tatsächlich eine traurige Halbruine, tote Fensterhöhlen und fast die Hälfte des hinteren Dachstuhls fehlt. Das aufgeregte Kläffen eines Hundes und die kurz darauf in gleicher Tonlage einsetzende keifende Stimme einer Frau bringen den Beweis, dass auch in diesem bizarren Ambiente noch Menschen hausen.
Ich darf einen Blick in Wandas Wohnung werfen, in diesen engen Räumen des Kleinen Hauses hatten wir die erste Hälfte unserer Kindheit verbracht, bis wir dann nach dem Tod der Großeltern in die freigewordene obere Etage des Großen Hauses umzogen. Die untere Etage bekamen Meschters, eine Umsiedlerfamilie aus Schlesien.
Wandas gemütliches Heim erscheint mir jetzt wie eine wundersame Oase der frühesten Kindheits­erinnerungen inmitten des um sich greifenden Verfalls. Ich registriere: Dort in der vorderen Stubenecke stand jedes Jahr unser Weihnachts­baum und hier, rechts neben der Tür, unser Klavier. Unauslöschlich in meiner Erinnerung sind die Klänge von Mozarts Kleiner Nachtmusik, mein Bruder Reinhard begleitete seinen Freund Armin Köhler, der die Geige spielte. Sie übten, unverdrossen trotz mancher schmerzhaften Misstöne, wochenlang fast jeden Abend.
Hausmusik wurde bei uns großgeschrieben, Mutter spielte die Laute und ab und zu setzte sich sogar Vater ans Klavier und sang dazu mit inbrünstiger Stimme "Schön ist die Jugendzeit ...". Mein jüngerer Bruder Martin und ich hatten es zu einem einigermaßen passablen Blockflötenspiel gebracht, mit dem wir sogar ab und zu bei kirchlichen Anlässen öffentlich auftreten durften.
An den langen Winterabenden war für ein oder zwei Wochen sogenanntes Federnschleißen angesagt. Dazu wurde der Wohnzimmertisch ausgezogen und ein großer Haufen Gänsefedern drauf geschüttet, die man in mühseliger Handarbeit von den Kielen zu befreien hatte. Es dauerte sehr lange, bis das gewonnene Material für ein neues Federbett ausreichte. Meist war Verstärkung aus der Nachbarschaft angerückt, man erzählte, trank schwarzen Malzkaffee und aß dazu Brezeln.
In der ehemaligen Küche (Wandas jetzige Schlafstube), direkt unterhalb der Treppe zum Dachboden, stand das kleine Pult, an dem wir unsere Schularbeiten erledigten. Ich sehe mich hier als Achtjährigen über dem Kleinen Katechismus gebeugt und in Tränen aufgelöst angesichts der erschütternden Lektüre über Christi Kreuzigung.
Kaum zu glauben - aber für uns Kinder war diese jetzt winzig erscheinende Wohnung mit dem davor liegenden Gemüse­­­garten ein unendlich großes Reich voller spannendster Eindrücke und Abenteuer. Das erste bewusste Wahrnehmen der vier Jahreszeiten, das vielfältige Vogelgezwitscher, der wundersame Duft von Veilchen und Wicken, der Geschmack von Erd- und Johannisbeeren - all meine frühesten Kindheitserinnerungen sind zusammen mit Paul Gerhardts Lied "Geh aus mein Herz und suche Freud", welches Mutter mit ihrer schönen Sopranstimme ungehemmt bei der Gartenarbeit sang, unauslöschlich mit diesen Plätzen verbunden.
Die Tür, die von unserer ehemaligen , d.h. Wandas jetzigen, Wohnung zum Dach­boden führt, ist seit Jahren fest ver­riegelt. Bestimmt weiß Wanda von Rechen und Mütze. Heute zahlte sie einen kleinen Preis für diese Vorsichts­­­­­maßnahme: Sie musste den weiten Umweg durch das Große Haus nehmen, nachdem sie meine Schritte direkt über ihrem Kopf vernommen hatte.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


26. Januar 2015, 12:50

Das Bienenhausfundament


Wanda hat sich erstaunlich flink auf ihr Fahrrad geschwungen und ist zur Bushalte-stelle gefahren. Sie will heute noch ihre Tochter im Nachbar-dorf besuchen. Ich befinde mich im hinteren Garten, der unmittelbar am Fuß der Rabatten liegt und fasse an die Stämme der verwilderten Obstbäume, die Vater gemeinsam mit uns pflanzte. Vom Unkraut überwuchert entdecke ich das Ziegel-fundament seines geliebten Bienen­hauses. Einen Großteil seiner Freizeit widmete er hier seinem Hobby der Imkerei.
Mir fällt dazu die Geschichte von Richard Thalmann ein, einem alten Bauern im Unterdorf, der gewisser­maßen sein Mentor in Sachen Bienen­zucht war. Richard hatte selbst ein großes altes Bienenhaus aus Holz, das man von der Straße aus sehen konnte. Die Wände waren innen vollständig mit Geldscheinen aus der Zeit der Inflation tapeziert. Im Dorf wurde erzählt, dass Richard der schwarzen Kunst mächtig sei und das "Siebente Buch Mose" besitze. Tatsächlich war er auch Anfang der fünfziger Jahre in einem "Hexen­prozeß" mit seinem Nachbarn verwickelt, der ihn und eine alte Frau allen Ernstes des Bundes mit dem Teufel bezichtigte. Details über dieses genauso ungeheuerliche wie absurde Ereignis sind in der Dorfchronik von Manfred Hausotter nachzulesen. Als Vater noch seine zwei bis drei einzeln­stehenden Bienenstöcke hatte, war Richard öfters bei ihm zu Besuch und gab wertvolle Ratschläge. Nachdem aber Vater sein neues prachtvolles Bienenhaus bekommen hatte, war Richard nur noch ein einziges Mal da. Er saß missmutig auf der Schwelle, murmelte vor sich hin und zog mit einem kleinen Stock merkwürdige Kreise auf der Erde. Vater vermutete später, dass er wohl neidisch geworden sei und deshalb das Bienenhaus verhext habe, denn seitdem gab es nie wieder eine ordentliche Honigernte.
Von Mutter weiß ich eine Begebenheit aus Richards letzten Tagen: Er war plötzlich während eines Gottes­dienstes aufge­standen und mit bleichem Gesicht durch den Mittelgang zum Ausgang der Kirche gewankt. Der geschärfte Blick der Kranken­schwester veranlasste meine Mutter, ihm zu folgen. Sie fand ihn draußen neben dem Eingang vor, regungslos im Gras liegend, den Blick starr zum Himmel gerichtet. Sein Puls war schwach, kaum noch zu ertasten. Da kam Richard wieder zu sich und öffnete die Augen. "Was willst du denn hier!", fuhr er die barmherzige Samariterin an, rappelte sich hoch und wankte, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, zum hinteren Ausgangstor des Friedhofs. Es war Richards letzter Kirchenbesuch, er kam zum Liegen und starb kurze Zeit später.
Doch zurück zum Bienenhaus, Vater konnte sich davon nicht trennen. Es ließ sich in Einzelteile zerlegen. und so hat er es beim Wegzug aus Rathendorf mitgenommen und am neuen Wohnsitz wieder aufgebaut. Dort diente es allerdings nur noch als Werkstatt und Fahrradschuppen (Richards Fluch?). Zwei übriggebliebene Bienenstöcke hatte Vater ganz hinten im Garten auf einfache Podeste gestellt. Nach Vaters Tod und der Aufgabe der Thalheimer Wohnung haben wir das Bienenhaus an einen Bekannten verschenkt.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


25. Januar 2015, 22:26

Des Spukes Stütze sind Rechen und Mütze

Über dem Ausgang am anderen Ende der Kammer hängt noch die fast bis zur Unkenntlichkeit verstaubte Silberhochzeitsgirlande meiner Eltern aus dem Jahr 1966, kurz danach sind sie von Rathendorf weggezogen. Knarrend öffnet sich die Tür und gibt den Weg frei zum Dachboden des Kleinen Hauses, den ich nun zögernden Schrittes betrete. "Des Spukes Stütze sind Rechen und Mütze" - dieser von uns Kindern damals geprägte Spruch schießt mir plötzlich durch den Kopf. Ob sie wohl noch dort hängen? Mein Blick dreht sich langsam zur Wand nach links. Tatsächlich, Rechen und Mütze sind an ihrem alten Fleck geblieben, genau dort hinter der Tür, wohin sie Vater 1951 angenagelt hatte, nachdem unser Opa bei der Rückkehr von der Feldarbeit vom Blitz erschlagen wurde. Er hatte diese graue Schirmmütze auf und trug genau diesen hölzernen Rechen über der Schulter.
Das Unglück geschah nur zweihundert Meter hinter unserem Haus. An den grellen Knall, der sich wie ein furchtbarer Peitschenschlag vom sonstigen Donner­­getöse jenes schweren Juni­gewitters abhob, kann ich mich auch heute noch erinnern. An der Unglücksstelle stand immer ein Blumenstrauß. Auf Vaters Anweisung mussten wir jedes Mal von den Fahrrädern absteigen, wenn wir vorbeifuhren.
Vom hölzernen Rechen ist allerdings nur noch der von Würmern arg in Mitleidenschaft gezogene Stiel übriggeblieben. Auch Opas an einem großen rostigen Nagel aufgespießte Mütze ist von Motten schon arg zer­fressen. Deutlich ist aber noch das vom Blitz erzeugte große Loch mit dem zerfransten verbrannten Rand zu erkennen.
Opas Rechen und Mütze, die verbliebenen Zeugen jenes tödlichen Dramas, gaben unserer damals hemmungslos wuchernden kindlichen Phantasie willkommenen Stoff für mancherlei Spuk­geschichten, denn gleich nebenan ist die geräumige Kammer, in welcher wir zu dritt schliefen.

Es geschah meist zur Zeit der Frühjahr- oder Herbststürme, wenn der Wind zu nächtlicher Stunde um das winklige Gemäuer fegte. Er brachte die Dachziegel zum Klappern und heulte gar schauerlich im Schornstein. Wenn auch noch der Mond hinter dem Fenster durch Wolkenfetzen jagte und die nahe Kirchturmuhr zur Geisterstunde schlug, dann schien das alte Haus zu neuem geheimnisvollen Leben zu erwachen. Dann glaubten wir, unter all den ächzenden pfeifenden Geräuschen und dem Knarren des Gebälks auch deutliche Schritte zu vernehmen, die sich auf dem langen Weg vom Keller über Erdgeschoss, ersten Stock, Bodentreppe und Oberboden langsam näherten. Die dazwischen­liegenden Verschläge bzw. Boden­kammern übernahmen zunächst eine Art Puffer­funktion, doch diese Sicherheitszonen schienen bald aufgebraucht zu sein. Bald lagen wir steif und regungslos in unseren Betten, denn immer deutlicher waren die müden schleppenden Schritte zu hören. Wer sich nicht die Decke über den Kopf gezogen hatte, starrte voller lähmender Angst auf die Kammertür - wann springt sie endlich mit lautem Knall auf und präsentiert den in geisterhaftes Licht gehüllten Opa? Doch seltsamerweise geschah nichts - bei Rechen und Mütze angelangt, schien sich der Spuk im Nichts aufzulösen. Traum oder Wirklichkeit? Für uns waren damals die Grenzen nicht auszumachen.
In Erwartung des Grauens treibt die kindliche Phantasie wilde Blüten ...

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


25. Januar 2015, 18:07

Das Bombenexperiment


Wie in Trance kehre ich noch einmal zurück in mein kleines dämmriges Zimmer. Hier stand mein Bett, dort der Kanonen­ofen, der nur im strengen Winter befeuert wurde, da ansonsten die Wärme des durchlaufenden Schornsteins ausreichte. Unter dem Fenster hatte der wacklige Arbeitstisch seinen Platz.
Die Freude daran, fundamental auf Natur und Leben zu schauen und zu experimentieren, steckt wahrscheinlich von Geburt an in mir. Und so sehe ich mich hier an einem trüben Apriltag des Jahres 1962 stehen, neben mir meine drei Schulfreunde Bernd, Joachim und Rüdiger. Wir mixen an diesem Tisch aus mehreren Kilogramm Kaliumchlorat und Schwefel den Sprengstoff für eine Super-Bombe, die wir auf Grundlage unserer am Rochlitzer Gymnasium frisch erworbenen Chemie- und Physikkenntnisse exakt berechnet hatten.
Wir vier sind, zumindest was die natur­wissen­schaftlichen Fächer anbelangt, die anerkannten Leistungs­spitzen der zehnten Klassen. Es sind reine Neugier und Forscherdrang, die uns zu diesem langfristig vorbereiteten, gefährlichen Experiment treiben. Nichts liegt uns ferner, als nur der geringste Gedanke an irgendwelche terroristischen und staatsfeindlichen Aktivitäten, wie das später von Denunzianten und Stasi unterstellt wird.
Meine Eltern sind an diesem Tag nicht zu Hause, denn Vater arbeitet als Ingenieur in einem größeren Elektrobetrieb in Thalheim (Erzebirge) und kommt erst an den Wochenenden, Mutter ist Gemeinde­schwester im Nachbarort Jahnshain. Übrigens gehören dem "Spreng­kommando" außer meinen drei Schulfreunden auch noch als untergeordnete Chargen mein älterer Bruder Reinhard sowie Wolfgang, der Sohn von Lehrer Laube, an. Beide haben den theoretischen Teil ihrer "Spreng­meisterprüfung" bereits erfolgreich absolviert und sollen mit denen ihnen heute zugewiesenen Arbeiten beim Mixen und filigranen Zünderbau (eine an die Zuleitung gelötete Spule aus dünnem Kupferdraht) ihre praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen.
Dann ist er endlich in greifbare Nähe gerückt, der langersehnte Augenblick der Wahrheit. Wie ein rohes Ei wird die in eine große dickwandige Flasche gefüllte hochbrisante Ladung in einer feierlichen Prozession auf das terrassenförmige Gelände (die "Rabatten") hinter dem Haus balanciert. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet war die Gefahr einer vorzeitigen Explosion eher gering, denn wir handelten nach selbstauferlegten strengen Sicherheits­vorschriften, die in einem auch später von der Stasi intensiv studierten schriftlichen Regelwerk verewigt sind. Neben allen erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen beim Herstellen des Sprengstoffs hatten wir auch einen hölzernen Unterstand errichtet, von dem aus wir die Explosion auslösen und mit selbst­gebastelten Winkel­fernrohren (Periskopen) das Testgelände über­blicken und fotografieren konnten, ohne von herumfliegenden Splittern getroffen zu werden.
Die Bombe wird natürlich elektrisch ferngezündet. Während ich im Unterstand laut zum Countdown zähle, dreht mein Freund Bernd aus Penig den Regeltrafo langsam hoch. Ich erinnere mich ziemlich genau, dass das angeschlossene Messgerät eine Stromstärke von etwa fünf Ampere anzeigte, als sich ein dünnes Rauchwölkchen aus der ca. 30m entfernten, frei auf einem Ziegelpodest stehenden, Bombe empor kräuselt. Eine klägliche Fehlzündung? Nein, denn das was Sekunden­bruchteile danach geschieht, übertrifft unsere kühnsten Erwartungen und erfüllt uns mit Entsetzen. Ein furchtbarer greller Blitz zuckt, Grasbatzen und Splitter zischten über unsere Köpfe. Die gewaltige Detonation lässt das vielstimmige Frühlings­gezwitscher der Vögel für Sekunden verstummen. Nach und nach gerät das stille Dorf in Aufruhr, die Rauchwolke ist kilometerweit zu sehen und von den oberhalb der Rabatten liegenden Feldern strömt ein gutes Dutzend Bauern und anderer Schaulustiger herbei, deren mit allerlei Arbeits­geräten beladene Silhouetten sich grotesk gegen den trüben Frühlingshimmel abzeichnen.
Die unmittelbaren Folgen der beiden Explosionen halten sich glücklicherweise in Grenzen: Auf der mittleren Rabatte ist die Erde kraterähnlich aufgerissen - im Umkreis von 10m versengten Feuer und Hitze das Gras. Einige auf einer entfernten Leine hängenden Wäsche­stücke sind von herumfliegenden Splittern durchlöchert worden und, wie wir erst später erfuhren, sind im nahe gelegenen Pfarrhaus zwei Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Uns selbst ist nichts passiert, stolz spazieren wir in unseren weißen, mit "Rangabzeichen" geschmück­ten Kitteln in dem Chaos umher und sind – unbeeindruckt von den stumm gaffenden Dorfbewohnern – mit diversen Aufräumarbeiten beschäftigt.
Einziger ernstzunehmender Störfaktor ist Joseph Kalinke, ein verdienstvolles Mitglied der Freiwilligen Feuer­wehr Rathendorf, der mit deutlicher Verspä­tung am Tatort eintrifft. Zu löschen gibt es eh nichts und so steht er da in seiner prachtvollen Uniform, die er sich zu Hause schnell noch angezogen hat und brüllt sinnlos herum. Aber meine Mutter, die kurz darauf von der Arbeit nach Hause kommt, hat uns spontan wie eine Löwin verteidigt und Joseph energisch in die Flucht geschlagen.
Das eigentliche Nachspiel folgte erst einige Wochen später. Die Staatssicherheit hatte über "wachsame Bürger" sofort Wind von der Sache bekommen. Wie ich lange Zeit später meinen Stasi-Akten entnehme, ist es Max Unger, der Bürgermeister, der den "staatsfeindlichen Akt" pflichtgemäß gemeldet hat. In der Folge wurde ein guter Nachbar auf mich, den möglichen Rädelsführer einer "staatsfeindlichen Gruppierung", angesetzt. Er tauchte mehrmals an den Wochenenden bei mir im Bastelzimmer auf, wir trainierten das Hören und Geben von Morsezeichen, und er erkundigte sich mit auffallendem Interesse nach Wirkungs­weise und Reichweite meiner elektronischen Geräte.
Ich weiß, warum ich mich entschieden dagegen wehre, diesen guten Nachbarn schlichtweg als Spitzel zu bezeichnen, so wie das heute eine "christlichen" Idealen verpflich­tete Obrigkeit und eine gedankenlose Öffentlichkeit pauschal für all diejenigen tut, die unter massivem äußeren Druck und aus innerer Not heraus für die Stasi Aufträge erledigen mussten. Dieser Nachbar war und ist ein guter und anständiger Mensch, er suchte nach Möglich­keiten, um das drohende Verhängnis von mir fernzuhalten. Von Gewissens­nöten geplagt, offenbarte er sich bald meinen Eltern gegenüber.
Mein Vater bekam panische Angst - er wusste wohl warum. Als ehemaliges NSDAP-Mitglied war er nach dem Krieg, aufgrund von Denunzation eines missgünstigen Nachbarn, durch die Russen verhaftet worden und nur durch glückliche Umstände wieder freige­kommen. Dem Drängen meiner Mutter, mit der Familie nach dem Westen zu gehen, widersetzte er sich hartnäckig – nichts konnte ihn von seiner Heimat wegbringen. So verlor er seine Beamtenstelle bei der Bahn und musste zwei Jahre schwer in einer Sandgrube bei Penig schuften, ehe er – durch die körperlichen Anstrengungen fast zum Skelett abgemagert, wie Fotos aus dieser Zeit belegen - wieder in seinen Beruf als Ingenieur zurückkehren durfte. Aufgrund von Rudis Warnung wurden mir vom Vater alle chemischen Experi­mente strengstens verboten, auch meinen Briefwechsel mit dem west­deutschen Schüler Gerhard Wenzel aus Braunfels an der Lahn musste ich offenlegen und sofort einstellen.
Zwei Monate später hatte die Stasi ihre Ermitt­lungen abgeschlossen. Wie ich später meinen Akten entnehmen konnte, hatte Bürgermeister Unger alles versucht, was sein beschränkter Intellekt zuließ, um mich als "Staatsfeind" ans Messer zu liefern. Aber letztendlich ließen sich diese absurden Anschul­digungen nicht aufrecht­erhalten.

Bombenversuche.pdf