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05. Mai 2017, 10:35

Das königliche Spiel

Hier stelle ich täglich neue Schachaufgaben in drei Schwierigkeitsstufen vor. Viel Spaß!

Redakteur

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22. April 2017, 15:41

Die Hinterhoftreppe


Um das Haus durch den Hintereingang zu verlassen, muss ich eine längliche Kammer durchqueren -- die "Rollkammer", weil früher hier mal eine Wäschemangel stand. Der Raum wird von den kleinen Glasfensterchen, die den oberen Abschluss der schweren Außentür bilden, nur spärlich erhellt. Das Muster der fünf leuchtenden Scheiben hat sich tief in mein Gehirn eingebrannt und erweckt allerfrüheste Kindheits­erinnerungen, als ich von Mutter in die dunkle Rollkammer gebracht und auf's Töpfchen gesetzt wurde. Oft zerflossen die hellen Vierecke in einem Tränenschleier, wenn man vergessen hatte mich nach vollbrachter Mission wieder abzuholen.

Durch die massive und mit zwei stabilen hölzernen Riegeln abgesicherte Hintertür verließ Vater halb vier Uhr in der Frühe das Haus, um mit dem Fahrrad zum 3km entfernten Bahnhof zu gelangen, von wo aus es zur Arbeit nach Borna und später nach Chemnitz ging. Sonntags starteten wir von hier aus in die Kirche, die auf der Anhöhe direkt hinter dem Haus thronte.

Nachdem ich einen der beiden Holzriegel beiseite geschoben habe kann ich die Tür mühelos öffnen. Draußen führt ein kurzer schattiger Gang entlang der Hauswand zum schräg abfallenden Hinterhof. Die dem Hang zugewandte Seite wird von einer maroden Mauer begrenzt. Krumm und schief hält dieses aus losen Granitbrocken geschichtete und ehemals schnurgerade Bauwerk aber auch heute noch dem Druck des Erdreichs stand. Das Ende der Mauer bildet eine kaum noch als solche erkenntliche und teilweise mit Unkraut überwucherte sechsstufige Treppe. Nur die oberen drei Stufen aus rotem Rochlitzer Porphyr sind noch im Originalzustand erhalten, die übrigen wurden abgebaut und durch Betonbrocken und hochkant gesetzte Ziegelsteine notdürftig ersetzt.
Immer wenn wir zu Wochenbeginn ins Oberschulinternat gen Rochlitz aufbrachen, mussten wir das gut bepackte Fahrrad zunächst diese Treppe hochhieven, um es dann dutzende Meter steil bergan zu schieben, bis wir endlich, ziemlich außer Atem, uns auf der Höhe in den Sattel schwingen konnten.

Diese Treppe hatte aber für mich noch eine ganz andere Bedeutung – sie diente mir als unbestechliches 'Messinstrument' für Sprungkraft und allgemeine Fitness. Quasi erfüllte sie die Funktion eines „Analog-Digital-Wandlers“ – zumindest ein Ingenieur wird sofort verstehen, was ich damit meine. Anlauf und Absprung waren schwierig, stolz war ich, als ich als 10jähriger endlich vier Stufen geschafft hatte, Jahre vergingen in denen ich immer wieder versuchte eine Stufe mehr zu bewältigen, genaues Timing war wichtig, der Anlauf durfte nicht zu lang sein, denn der steile Anstieg vor dem Absprung reduzierte die für einen optimalen Absprung erforderlichen Kräfte. War der Anlauf zu kurz, wurde die notwendige Geschwindigkeit nicht erreicht und ich landete bestenfalls auf Stufe vier.
Unvergessen dieser eine Morgen im Frühsommer 1963, an dem ich als 19jähriger ohne besondere Vorbereitungen und Anstrengungen wie von einer geisterhaften Kraft gehoben durch die Luft schwebte und völlig unerwartet auf der obersten Stufe landete – es war das erste und das einzige Mal, dass ich alle sechs Stufen in einem Satz bewältigen konnte! Alle nachfolgenden Versuche, dieses Wunder zu wiederholen, endeten bestenfalls auf der vorletzten Stufe, in späteren Jahren auch das immer seltener. Heute versuche ich es noch einmal, nach müdem Anlauf werden es mit Ach und Krach nur noch zwei Stufen, bezahlt mit einer schmerzhaften Zerrung am linken Fuß.

Redakteur

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11. November 2016, 12:21

Das Menetekel an der Wand

Die Wahl von Donald Trump kam für die Clinton-affinen US-Medien völlig überraschend, nach Überwindung der Schockstarre schüttet man sich Asche auf's Haupt und jammert: "Leider haben viel zu viele von uns aufgehört, ihren Beruf als Journalist auszuüben und sich als "Cheerleader" für Hillary Clinton gegenseitig überboten, anstatt dem Volk zuzuhören ".

Leider trifft diese traurige Erkenntnis 1:1 auch auf den Mainstream der deutschen Medienlandschaft zu, scheint aber noch nicht dort angekommen zu sein. Statt das eigene Rollenverständnis kritisch zu hinterfragen, müssen Phantombegriffe wie "postfaktisches Zeitalter" und "ungebildeter Wutbürger" jetzt nicht mehr nur noch für das Erstarken der AfD und die zunehmende Spaltung unserer Gesellschaft herhalten, sondern werden mangels eigener Ideen auch zur Erklärung der Wahlergebnisse in den USA herangezogen. Statt echte Meinungsforschung zu betreiben wird lediglich Hofberichtserstattung praktiziert.

Millionen von "Wutbürgern" aber haben es mittlerweile satt, sich immer wieder von solchen "Eliten" die Welt erklären zu lassen, die diese selbst nicht mehr verstehen, weil sie schon seit langem zu gutbezahlten Höflingen mutiert sind.

Dazu kommt mir eine Ballade von Heinrich Heine wieder in den Sinn, die mich schon als Kind fasziniert hatte, sie bezieht sich auf König Belsazar aus dem Alten Testament der Bibel.
Die biblische Szene, die Heine zu seinem Gedicht inspiriert hat, ist auf Rembrandts Gemälde "Das Gastmahl des Belsazar" von 1635 zu sehen.
Wortgewaltig beschreibt diese Ballade die letzten Stunden eines allzu selbstgefälligen Herrschers, der (umgeben von einer Schar "dauerklatschender" Höflinge) die "Flammenzeichen an der Wand" nicht als Vorbote des eigenen Untergangs zu deuten vermochte:

Belsazar

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert's, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

"Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn –
Ich bin der König von Babylon!"

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam's hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.


PS.:
War es im alttestamentarischen Sinn " Jehova" (Gott), der vom durchgeknallten König verspottet wurde, so ist es heute "das Volk"(der Souverän(!)), der von den Leitmedien (den treuen Erfüllungsgehilfen von Altparteien und Kirchen) zumindest als "Besorgter Bürger", in der Regel aber als "Fremdenfeind", "Rassist" oder gar "Nazi" herabgewürdigt und beschimpft wird.
So viel Blindheit bleibt nicht ungestraft ...


13. November 2015, 22:27

Flüchtlinge, Islam und Merkel

Angesichts der anhaltenden islamistischen Terroranschläge kann ich nicht anders als nochmals auf die langfristigen Folgen einer muslimischen Massen-einwanderung auf dem von unserer Bundeskanzlerin ausgerollten Roten Teppich hinzuweisen:

Der Islam ist keine Religion im jüdisch- christlichen oder fernöstlichen Verständnis.
Der Islam ist vielmehr ein komplexes System, das eine eigene Rechtsordnung (Scharia) und ein mit westlichen Wertevorstellungen inkompatibles Staatsverständnis umfasst (islamischer Staat, wie in Saudi Arabien oder im Iran realisiert).

Unbestrittener Fakt ist:
Keine andere Religion der Welt bringt heute so viele Gewalttäter hervor wie der Islam (paradoxerweise "Religion des Friedens")!?
Ist es deshalb nicht eine ganz normale und gesunde Reaktion, dass viele Menschen Angst vor dem Islam haben und auf die Straße gehen um gegen die Masseneinwanderung aus arabischen Ländern zu protestieren (Pegida)? Diese Menschen erfüllen nichts weiter als ihre Bürgerpflicht und müssen sich dafür als "Pack" (Sigmar Gabriel) beschimpfen lassen.
Oder sich verhöhnen lassen z.B. von der prominenten evangelische "Redakteurin" Claudia Becker, die den Islam nicht als Bedrohung des christlichen Abendlandes sieht und es sogar für richtig hält, dass Kardinal Woelki in Köln die Lichter des Doms abschalten ließ, als Islamkritiker unterwegs waren.
Selbsternannte "überzeugte" Christen, wie der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow oder die Grünen-Vorsitzende Karin Göring Eckhardt, tragen ihr arrogantes Gutmenschentum wie eine Monstranz vor sich her.
Ist es Blindheit oder Dummheit? Auch ich bezeichne mich als Christ und glaube an Gott. In der Bibel habe ich keinerlei Rechtfertigung dafür gefunden, dass man eine unkontrollierbare Völkerwanderung zulassen muss, wenn die Erfahrung lehrt, dass diese früher oder später zum eigenen Untergang führt. Deshalb bin ich aus unserer von "Falschen Propheten" dominierten Kirche ausgetreten, die ihren widerlichen Kniefall vor dem Islam mit dem naiv und eindimensional interpretierten Gebot der christlichen Nächstenliebe begründet. Martin Luther (dessen Erbe zu bewahren sie heute heuchlerisch vorgeben) würde sich im Grab umdrehen!!!

Die moslemischen Migranten bringen ihre Sozialisation bereits mit und werden die damit verbundenen Vorstellungen allein schon deshalb nicht freiwillig ablegen, weil sie sich nicht aus freien Stücken für ein Leben in einer westlichen Demokratie entschieden haben.

Die Chancen dafür, dass die Integration von Millionen Muslimen in unser Wertesystem gelingen könnte, gehen gegen Null!
Das belegen nicht nur die Erfahrungen mit vielen der bereits im Land lebenden Muslime mit türkischen und arabischen Wurzeln,
sondern auch ein Blick auf die Geschichte:
Eine friedliche Koexistenz zwischen Muslimen und anderen bestand nur solange, bis die Muslime stark genug waren, die Macht zu übernehmen.

Die meisten moslemischen Länder wurden durch das Schwert erobert, die Eroberung Europas konnte bei Poitiers und vor Wien abgewehrt werden.
Die aktuelle Alternative zur kriegerischen Unterwerfung anderer Völker besteht in der Migration und wir erleben derzeit eine moslemische Masseneinwanderung.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund ist die Weigerung unserer östlichen Nachbarstaaten, Muslime in größerer Zahl aufzunehmen, durchaus verständlich.

Wenn ein solch reiches moslemisches Land wie Saudi Arabien keinen einzigen seiner in Not geratenen Glaubensbrüder aufnehmen will, stattdessen aber 200 neue Moscheen in Deutschland finanziert, so sagt das einiges über den expansiven Charakter des Islam aus!

Verantwortliche politische Entscheidungen erfordern vor allem die Weitsicht für die sich daraus ergebenden mittel-und langfristigen Folgen.
Diesen Anforderungen wird die Politik der Bundesrepublik in der Flüchtlingsfrage in keiner Weise gerecht!

Dieses Defizit lässt sich auch nicht mit leeren Parolen wie "Der Islam gehört zu Deutschland" und "Wir schaffen das!" überwinden.

Offensichtlich unbekannt ist unseren politischen und geistlichen Eliten die zeitlos gültige Anweisung der Gesta Romanorum:
"Quidquid agis prudenter agas et respice finem" (Was auch immer Du tust, handle überlegt und bedenke das Ende).

10 Jahre Kanzlerschaft haben mittlerweile bewirkt, dass bei Frau Dr.Merkel (paradoxerweise eine promovierte Physikerin!) und bei ihren zahlreichen Enddarmbewohnern das logische Denken völlig abhanden gekommen ist.


12. November 2015, 23:05

Mit LTE von Vodafone zur Telekom

In der angehängten zip-Datei findet Ihr einen Bericht,
wie ich meinen vorhandenen Vodafone-LTE-Rooter auch nach dem Umzug zur Telekom weiter verwenden konnte.

Speedport.pdf

Redakteur

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22. Februar 2015, 19:31

Hoch in der Luft

Ich weiß es inzwischen zu schätzen, dieses unbeschreib-liche Gefühl des freien Flugs. Die Wende hat es möglich gemacht, auch diesen Jugendtraum zu erfüllen.

Ich blicke auf das Jahr 1993 zurück und sehe mich hoch oben an einem Berghang des Schwarzwalds stehen, hinter mir hohe Tannenbäume und vor mir ein steiler grasbewach-sener Berghang, der von einer bereits tief am Horizont stehenden Sonne in spätsommerliches Licht getaucht wird. Weit in der Ferne grüßt die Silhouette des Freiburger Doms. Eine wahre Idylle, akustisch untermalt von nahem Kuhglockengebimmel.

Es ist der letzte Abend unseres einwöchigen Gleitschirm­flieger­lehrgang​s, den ich gemeinsam mit meinem Bruder Martin besuche. Wir beiden sind die absoluten Oldies der Gruppe, die ansonsten aus einem guten Dutzend abenteuer­lustiger junger Leute im Alter zwischen zwanzig und dreißig besteht. Die zurückliegende Woche war anstrengend, besonders das sich ständig wiederholende beschwerliche Bergsteigen auf die halbe Höhe des Hangs, das geraffte grellbunte Schirmpaket auf den Schultern und die schweren Springerstiefel an den Füßen. Oft musste ich dabei schnaufend und schweißgebadet pausieren, während mich einige der Jüngeren leichtfüßig überholten. Heute ist der letzte Flug zu absolvieren. Gleichzeitig ist das die praktische Abschlussprüfung für den L-Pilotenschein, der uns noch heute bei der Abschieds­fete feierlich aus­gehändigt werden soll.

So hoch wie jetzt sind wir noch nie gestartet. Die Differenz zum Landeplatz beträgt diesmal ca. 100m. Das Tal tief unter uns liegt schon im Schatten. Auf halbem Weg dorthin steht der Fluglehrer, er ist als dunkler Punkt kaum noch wahr­zunehmen.
Ich bin zufällig als Erster an der Reihe. Aller Augen sind erwartungsvoll auf mich gerichtet. Eine sanfte Luftbrise streicht mir ins Gesicht, die Bedingungen scheinen ideal zu sein. Martin hilft mir beim obligatorischen 7-Punkte Check:
- Liegen die Lufteintrittsöffnungen des Schirmes frei?
- Sind die A- und die B-Ebene der Leinen wirklich nicht ineinander verfitzt?
- Lässt sich die Bremse frei bewegen?
- Sind die Karabinerhaken am Gurtzeug geschlossen?
- Sitzt der Helm fest?
- Weht der Wind günstig?
- Ist der Luftraum über mir frei?

Natürlich bin ich aufgeregt, denn bei allen bisherigen Übungsflügen hatten wir nur maximal 20 Meter Höhe erreicht und wurden dabei vom Fluglehrer dirigiert, der dazu in jeder Hand eine große rote Kelle schwenkte. Synchron dazu mussten wir an den beiden Steuerleinen ziehen, da konnte kaum etwas schiefgehen.

Allerdings war erst wenige Wochen zuvor eine Flugschülerin direkt in das Scheunendach des Bauerngehöftes gerast, das rechter Hand unten im Tal liegt. Der Bauer muss bei diesem Getöse gedacht haben, der Leibhaftige sei höchstpersönlich herniedergefahren, um ihn heimzusuchen. Der Unglücks­pilotin ist glücklicherweise – außer einem Kiefernbruch, verursacht durch das Helmvisier, welches beim Aufprall gegen die Kinnlade gedrückt wurde – nichts Ernsthaftes passiert. "Blackout, ", war dazu der nüchterne Kommentar des Fluglehrers, "... die Frau hat ohne ersichtlichen Grund nicht mehr auf meine Anweisungen reagiert und in Panik die Steuerleinen einfach baumeln lassen ...". Das Dach der Scheune wurde bei dieser Gelegenheit gleich neu eingedeckt und ist jetzt von meiner momentanen Position aus als satter roter Farbfleck zu erkennen.

Das Startsignal! In Gedanken bekreuzige ich mich :"Herr Gott lass es gelingen ..". Die Arme sind nach hinten gestreckt, wie beim Startsprung ins Schwimmbecken. Fest in beiden Händen die Leinengurte und die Griffe der Bremse renne ich mit kurzen schnellen Schritten den Hang hinunter, der hier oben auf dem Plateau zunächst noch ziemlich sanft verläuft. Ich spüre den Ruck an den Händen und hinter mir bläht sich der mächtige gelbschwarze, ca 12m breite und 2m schmale Schirm auf. Sein Namen, "Black Magic", ist jetzt in großer schwarzer Kunstschrift deutlich zu lesen.. Bei ca. 25km/h Differenz von Eigen- und Windgeschwindigkeit wird sich das Doppelsegel über mir so weit mit Luft gefüllt haben, dass es quasi die Eigenschaften eines starren Flügels erhält, der mich in die Höhe tragen wird.
Ich spüre bereits den Zug am Gurtzeug und schaue nun zum obligatorischen letzten Kontrollblick nach oben.
Aber was sehe ich da zu meinem Entsetzen? Der im Wind knatternde Schirm hat eine bedrohliche Schieflage erreicht und neigt sich immer weiter nach links. Ich versuche verzweifelt ihn zu unterlaufen und zu korrigieren und rase dabei zickzackförmig, gleich einem hakenschlagenden Hasen, über die jetzt immer steiler abfallende Bergwiese. Doch da ist nichts mehr zu retten.
"Abbrechen !, Abbrechen !" schreit es hinter mir, ich gebe im letzten Moment auf und leite die Notbremsung ein. Der irre Veitstanz ist zu Ende.
"Black Magic" klappt über mir zusammen und zerrt mich dabei noch ca. 10 m über den Boden. Den Schmerz am rechten Ellenbogen und die Schürfwunde am linken Oberschenkel werde ich erst viel später spüren. Gerade noch rechtzeitig vor dem hölzernen Weidezaun, dort wo der Steilhang beginnt, endet die Rutschpartie.

Ja, da gibt es keinen Zweifel: Diesen entscheidenden Start habe ich total verpatzt, wahr­scheinlich war auch eine der Luftturbulenzen mit daran schuld, die um diese Tageszeit immer an Wald­kanten entstehen. Ich raffe betäubt und irritiert meinen Black-Magic zusammen und steige langsam wieder bergauf. Auf Hose und Jacke haben sowohl Grasflecke als auch Kuhfladen ihre grünen und braunen Spuren hinterlassen.
Die Reihe der Flugschüler erwartet mich stumm vor den startklar ausgebreiteten Schirmen. Die Hände, die sich schon zum Sonderapplaus für meine Premiere erhoben hatten, sind wieder herabgesunken. Hinter den schmalen Visieröffnungen der futuristischen Helme erahne ich versteinerte Gesichter. In unseren Kreisen ist Schadenfreude verpönt, aber diesmal hätte ich mir sehnlichst ein wieherndes Gelächter gewünscht, das hätte erlösend gewirkt und den nervlichen Druck von mir genommen. Ich hoffe aber noch auf eine letzte Chance!

Nun kann ich mir erstmal mit ansehen, wie nacheinander alle übrigen Teilnehmer und auch Bruder Martin mehr oder weniger mühelos vom Boden abheben und unter den riesigen bunten Segeln hoch über dem Tal entschweben.

Die dünnen Schnüre, an denen die Piloten unter dem Schirm hängen, heißen im Fachjargon "Leinen". Sie sind aus hochfesten Karbonmaterialien geflochten. Man kann sie nur aus nächster Nähe erkennen, spinnenhaft dünn verschmelzen sie bald mit dem Himmelsblau, so dass der Mensch völlig frei im Raum zu schweben scheint.
Beim Entwirren der total verfitzten Leinen meines dreckverschmierten "Black Magic" gerate ich gehörig ins Schwitzen, allzumal einige gemeine "Verdreher" zu beseitigen sind. Die Zurückgebliebenen helfen mir dabei, denn bald wird die Sonne hinter dem gegenüberliegenden Höhenzug verschwinden. Mit dem Aussetzen der Thermik endet auch der Auftrieb spendende Talwind und der gefährliche Bergwind fährt von hinten in den Schirm. Der Fluglehrer wird dann gnadenlos zum Abbruch blasen. Nervös beobachte ich die gelben Säcke der Windmesser, die schon bedrohlich auf den bevorstehenden Umschwung hindeuten.

Ich bin mittlerweile zur einsamen Figur hier oben auf dem Berg geworden. Jetzt ist der hilfsbereite Student aus Würzburg als vorletzter gerade gelandet, seine lautes Freudengejodel während des Flugs klingt mir noch im Ohr. Alle anderen tanzen schon weit unten neben dem Bauerngehöft als dunkle Punkte um die bunten Flecken ihrer Schirme, falten sie schulmäßig zusammen und verstauen sie in die riesigen Rucksäcke.

Endlich erhalte ich doch noch das ersehnte Signal vom Fluglehrer und laufe los als ginge es um mein Leben. Diesmal muss mir ein Bilderbuchstart gelingen, ein zweites Debakel darf es einfach nicht geben! Eine unwiderstehliche fremde Kraft zieht mich plötzlich nach oben, ich hebe ab!

Niemals mehr im Leben werde ich die folgenden zwei Minuten vergessen, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen. Ich fliege hoch über dem Tal der unter­gehenden roten Sonne entgegen. Jetzt stört nur noch das leise röhrende Pfeifen des in die Luftkammern einströmenden Windes die Abendstille. Ein unbeschreib­liches Glücksgefühl ergreift mich. Die Angst vor den berüchtigten Rotoren und Thermikwalzen, die als unsichtbare Gefahr überall in der Luft lauern können, ist weggeblasen wie alle sonstigen Nöte und Sorgen des Alltags. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein !
Bei solch einem relativ langen Flug bleibt genügend Zeit, um die herrliche Landschaft aus der Vogelperspektive zu genießen. Unter mir weidet unbeeindruckt die Kuhherde des Bauern, dem das Trainingsgelände gehört. Ich blicke über Berge, Wiesen und Wälder. Mittlerweile aber hat der Schirm merklich an Höhe verloren und fliegt direkt auf das rote Dach des Bauernhofes zu, die Kameraden sind jetzt deutlich zu erkennen, einige rufen laut und winken. Ich gerate nicht in Panik sondern korrigiere die Flugrichtung durch vorsichtiges Ziehen der linken Bremsleine, der Landeanflug wird eingeleitet.

Langsam und störrisch, wie bei einer ausgeleierten Autolenkung, folgt Black Magic meinen Anweisungen. Er neigt sich etwas nach links und schwebt in einer sanften Kurve am Bauernhof vorbei, in sicherem Abstand über die Bäume am Straßenrand und über eine Freileitung hinweg. Der im Dämmerungslicht dunkelgrün flimmernde Boden kommt jetzt rasch näher. Nun muss ich mich voll auf die Landung konzentrieren. Ich steuere eine günstige Stelle an, direkt hinter dem Entwässerungs­graben, der die im Abendtau nassglänzende Wiese durchzieht. Die Landung gelingt mir schulmäßig. In etwa 5m Höhe reiße ich beide Bremsleinen mit einem Ruck bis zum Anschlag durch, richte mich im Gurtzeug auf und beginne noch in der Luft zwei drei Schritte zu laufen. Langsam klappt Black Magic über mir zusammen und mildert so den freien Fall. Ein sanfter Stoß auf Knie und Rücken staucht mich in wabbligen Boden - die Erde hat mich wieder.

Redakteur

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22. Februar 2015, 12:19

Der Gelobte Strand von Blokhus



Unsere Fahrzeuge nehmen eine letzte Kurve auf der hitze-flimmernden Asphaltstraße, die dann plötzlich zur Sandpiste wird. Im Schrittempo zwängen wir uns durch ein Gewimmel leicht bekleideter und bunt bemützter Menschen, die einen Eiskiosk belagern. Die durch das offene Schiebedach eindringende Luft riecht angenehm salzig, das Dröhnen der nahen Meeres-­brandung übertönt die Motor-­geräusche.
Links und rechts hoch aufragende weiße Sanddünen, die sich wie ein Tor öffnen.

Da liegt er nun vor uns und breitet sich in unend­licher Weite aus. "Der Gelobte Strand !", schiesst es mir bei seinem Anblick durch den Kopf, assoziiert durch die biblische Geschichte vom Gelobten Land, welches das Volk Israel unter Führung von Moses nach vierzig­jähriger mühevoller Wanderung endlich fand.

Bibelzitat (5. Buch Mose 32, 48):
"Gehe auf den Berg und schaue das Gelobte Land Kanaan, das ich den Kindern Israel zum Eigentum geben werde."

Das Bild, das sich unseren Augen jetzt bietet, entschädigt für die fast 100 km lange Anfahrt quer durch Jütland in drückender hochsommerlicher Schwüle. Kein Vergleich mit dem schmalen, mit toten Quallen und ekligem Tang übersäten Badestrand von Ostern Hurup, einem kleinen, am Kattegat gelegenen Badeort, wo wir unseren diesjährigen Familienurlaub verbringen.

Es sind die letzten Tage des Monats Juli in diesem Jahrhundertsommer 1994, schon seit geraumer Zeit stöhnt Europa unter dieser unerträglichen Hitzewelle, die selbst die skandinavischen Regionen des Kontinents nicht verschont. 35 Grad Luft- und 22 Grad Wassertemperatur für Nord- und Ostsee - wann hatte es so etwas schon einmal gegeben ? Das Satellitenfernsehen meldete aus der Heimat 40 Grad im Schatten und selbst am Nordkap soll das Thermometer dieser Tage noch 18 Grad anzeigen. Hier in der Jammerbucht im Nordwesten von Dänemark, dort wo Skagerak und Nordsee ineinander übergehen, liegt Europas längster und breitester Sandstrand. Aufgrund der hier allgemein vorherrschenden klimatischen Bedingungen gehört er sicherlich nicht zu den Topadressen der mallorcaverwöhnten deutschen Touristenströme. Heute wölbt sich hier ein strahlend­­blauer Himmel über einem tiefblauen Meer, das mit imposanten weißen Schaumkronen verziert ist. Eine erfrischend steife Brise weht uns ins Gesicht.

Dieser Strand ist ein Traum: Mehr als 100m breit und mit feinem festen Sand bedeckt. Seine Länge ist vom Auge nicht mehr zu erfassen und verschwindet im hochsommerlichen Dunst. Darüber ein hoher, lichter Himmel, der erst hinter Grönland zu enden scheint. Wir sind erstaunt: Man darf mit dem Auto, wie auf einer riesigen breiten Piste, den Strand entlangfahren. In größeren Abständen stehen, soweit das Auge reicht, die Fahrzeuge direkt am Wasser, daneben hat man es sich mit Kind und Kegel unter Sonnenschirmen bequem gemacht und genießt die Natur. Juchzend und schreiend lassen sich die Menschen von der anstürmenden Brandung umreißen. Zwar ist das Wasser hier noch etwas salzhaltiger als im Kategatt - aber dafür glasklar und frei von Tang und Algen.

Wir haben die Dänen bis jetzt als sehr umweltbewusst kennen gelernt. Keine Bier- und Colabüchsen in den Supermärkten, kaum Raserei auf den Straßen und Autobahnen, überall Windräder zur Erzeugung von Elektroenergie. Aber langsam begreifen wir: auch das hier ist kein Affront gegen die Natur. Im Gegenteil, das Anlegen riesiger Parkplätze hinter den Dünen zusammen mit den entsprechenden Zubringer-Trampelpfaden würde einen weitaus größeren Eingriff in die Naturlandschaft bedeuten.

Angesichts des unglaublich weiten Strands wirken hier die Autos klein und harmlos, wie sie lautlos dahin gleiten, da ihr Motorengeräusch vom Wind verschluckt wird.
Die den Strand begrenzenden Dünen bilden eine steile Hügelkette. Sie sind nur teilweise mit hohem Gras bewachsen und mit dem herrlichsten und vollkommensten weißen Sand bedeckt, den wir je in unserem Leben gesehen haben.

Der nächste Tag ist der 31. Juli und genauso heiß wie seine Vorgänger. Natürlich fahren wir wieder zu unserem "Gelobten Strand" und nehmen die lange Anfahrt gern in Kauf. Fairerweise muss man hierzu allerdings bemerken, dass Autofahren in Dänemark selbst in der Hochsaison nicht vergleichbar ist mit den hektischen deutschen Verkehrsverhältnissen. Statt Streß und Stau - ein ruhiges und gemächliches Dahingleiten bei 80kmh auf der Landstraße und 110kmh auf der Autobahn. Man trifft fast mehr Radfahrer als Kraftfahrzeuge, viele Getreidefelder und Pferdekoppeln, wenig Industrie. Hier und da überragen rotierende Windräder auf silbernen Masten die flache Landschaft.

Auch heute scheint die Sonne so wie jeden Tag bisher. Auffällig sind nur die vielen Autos, die uns bereits jetzt aus Richtung Strand entgegenkommen, obwohl die Sonne noch hoch im Zenit steht. Endlich am Tagesziel eingetroffen, erhält unsere Erwartungs­euphorie einen ersten Dämpfer. Die herrlichen Wellen des gestrigen Tages sind verschwunden, müde schwappt die See über den auf Dutzende von Metern Breite durchnäßten Ufersand.

Das Traumbild vom Gelobten Strand erhält weitere Risse, als uns bereits beim Aufschlagen des Lagers und beim Auspacken der Picknick­utensilien eine riesige Armada von Marien­käfern überfällt, sich in den Haaren verfängt, in die Körper beißt und zwickt und die Autos allmählich mit einer rotschwarzen Schicht überzieht. Bundesgenossen finden sie in kleinen, nicht minder heimtückischen Strandwespen, die sich in etwas geringerer Zahl aber ebenso ekelerregend an den gemeinen Attacken auf die Gattung Mensch beteiligen.

Wild um uns schlagend versuchen wir uns Ruhe zu verschaffen, später wickeln wir uns in Decken und Handtücher ein. Doch die widerlichen Insekten lassen sich dadurch nicht beeindrucken, sie scheinen an Zahl zuzunehmen, krabbeln durch die Schwachstellen der Deckung und versuchen sogar, in Ohren- und Nasenlöcher zu kriechen.

Der Geist des traumhaft schönen Gelobten Strandes läßt sich nun nicht mehr heraufbeschwören. Selbst im Wasser, in dem bereits viele ihrer verendeten Artgenossen treiben, werden wir von der außer Kontrolle geratenen Insektenpopulation verfolgt.
Noch einmal keimt vage Hoffnung auf: Vielleicht finden wir in der himmlischen Dünenlandschaft Ruhe vor den Quälgeistern und können dort unser Lager aufschlagen ?

Ich breche zur Erkundung auf. Am Fuß der hoch aufragenden Dünen ange­kommen, werden meine Illusionen schlagartig zerstört. Noch ärger als am Strand und in dunklen Myriaden schwirren die widerlichen Insekten in der Luft und verdunkeln den Horizont über den Hügeln. Sie kleben an den Grashalmen oder krabbeln dicht an dicht über den Boden. Hier scheint ihre Hochburg zu sein, hier vermehren sie sich und brechen auf zu ihren verheerenden Strandüberfällen.

Bald bin ich wie ein Imker von einem surrenden Schwarm des Ungeziefers umgeben, sie krabbeln die Beine hoch, kriechen über die Sonnenbrille in die Haare, zwicken in den Nacken. Mit einem wilden Veitstanz und einem langen Sprint rette ich mich zurück zum Ufer. So endet der Ausflug zu den Dünen im Debakel. Doch auch der Strand wird mehr und mehr zur Hölle - es ist nicht mehr auszuhalten!

Den Hunderten erwartungs­froher Bade­gästen ergeht es ähnlich. Sie ergreifen vor den Insektenschwärmen die Flucht, reger Fahrverkehr setzt ein und langsam leert sich die weite Bucht. Auch wir packen nun fast panikartig unsere sieben Sachen und verlassen ihn nach einer knappen halben Stunde wieder - unseren Gelobten Strand. Auf dem Rückweg müssen wir entgegen­kommenden Fahrzeugen ausweichen und die feste Fahrspur verlassen. Unser knallroter Ford bleibt im Sand stecken und muss unter Mitwirkung aller Insassen und unter ständigen Attacken der außer Rand und Band geratenen Insekten­schwärme mühevoll wieder flottgemacht werden.

Dann hängen wir stumm in den Autopolstern, kein Blick mehr für die herrlichen Kiefernwälder und endlosen Heidetäler. Nach langer Fahrt wieder in unserer Ferienhütte angekommen, quellen noch Scharen der schwarzgepunkteten Quälgeister aus Schuhen, Kleidungsstücken und allen Ritzen und Winkeln der Autos. Ich schlage diesmal erbar­mungslos zu, wohlwissend, dass das offene schriftliche Bekenntnis zu diesen Untaten mir die Konfrontation mit manchem der zahlreichen selbsternannten Tierschützer einbringen kann.

Heute kann ich ganz schlecht einschlafen, ich versuche immer wieder vergeblich, das Käferdrama einzu­ordnen und zu werten: Ein winziges, sich dieser Tage witterungsbedingt und explosionsartig vermehrendes, Insekt hat uns die Illusion vom Gelobten Strand gründlich verdorben und ein neues und völlig unerwartetes Feindbild geschaffen. Bislang war der Marienkäfer ein liebenswertes Tier, quasi ein Gruß aus fernen Kindertagen, wo wir ihn mit Kosenamen wie "Mutschekiepchen" oder "Himmelmietzchen" bedachten. Mit Begei­sterung hatten wir damals jedes Exemplar vor dem Tode des Ertrinkens aus dem Wasser gerettet und anschließend getrocknet und gepäppelt bis zur Wiederherstellung der Flugfähigkeit.

Jetzt aber ist ER plötzlich nicht mehr der "liebe Käfer". ER hat uns nicht nur für einen Tag belästigt, denn das hätten wir IHM vielleicht großzügig verziehen. ER hat uns viel Schlimmeres angetan - ER hat uns die Illusion vom Gelobten Strand, vom gefunden geglaubten ewigen Urlaubsparadies, gründlich und unwiderruflich verdorben.

Aber wir wollen IHM gegenüber nicht ungerecht sein: ER hat uns auch geholfen, wieder auf den Boden der Realitäten zurückzukehren und zu erkennen die Vergänglichkeit des Lebens und die Unmöglichkeit, das Glück festzuhalten.

Und es bleibt die sichere Hoffnung: Irgendwann einmal - oder vielleicht auch schon sehr bald - wird es wieder so sein wie an jenem schönen Tag, bevor der Käfer kam. Und dann werden wir ihn aufs neue entdecken und genießen - den geliebten und gelobten Strand von Blokhus!

Redakteur

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02. Februar 2015, 17:06

KLASSENTREFFEN 2016 IN ALTENBURG





Liebe Freundinnen und -freunde!

Unser Klassentreffen vom 10.September 2016 ist Geschichte! Das Häuflein Unbeugsamer traf sich 15Uhr vor dem altehrwürdigen Altenburger Rathaus. Das herrliche warme Spätsommer-wetter veranlasste uns, im Freien an einer Tafel Platz zu nehmen, die vom freundlichen Bedienpersonal des Ratskellers eilfertig zusammen-geschoben und mit Blumen geschmückt wurde.

In meiner Funktion als "Leitender Oberarzt" durfte ich das Treffen eröffnen und musste konstatieren, dass wir diesmal nur 10 "Patienten" waren, ein trauriger Negativrekord, obwohl monatelang per EMail, per Telefon und Post alles Menschen-mögliche versucht wurde, alle zu erreichen und zu motivieren! Insbesondere Rüdiger kümmerte sich aufopferungsvoll um die hartgesottenen Fälle, aber einige Mitschüler/-innen waren total abgetaucht und schlicht und einfach nicht mehr auffindbar, einige fehlten aus nachvollziehbaren gesundheitlichen Gründen, andere wiederum entschuldigten sich mit mehr oder weniger fadenscheinigen Argumenten.
Die verbliebene überschaubare Truppe hatte aber dafür umso mehr die Gelegenheit, intensiv in Erinnerungen zu schwelgen oder über die Witze von Bernd zu lachen.

Nach dem Kaffeetrinken erläuterte ich zunächst die legendäre "Monduhr" am Mitte des 16.Jh. erbauten Rathausturm, womit sich die geplante "Stadtführung" im Wesentlichen erledigt hatte. Stattdessen brachen wir gemäß dem Motto "Der Weg ist das Ziel" zu einem entspannten Rundgang durch die Innenstadt und um den Großen Teich auf. Rüdiger, Frank, Klaus und ich unternahmen noch einen kurzen Abstecher zum Theater und zum Skatbrunnen.

Nach einem hervorragenden Abendessen lichteten sich die Reihen, es tauchten die besorgten Ehemänner der beiden Christinen auf um diese zu entführen. Auch Rüdiger und Bernd mussten sich bereits verabschieden, da sie noch einen weiten Heimweg hatten.
Der harte Kern, bestehend aus Margitta, Frank, Helmut und den beiden Kläusen hielt in lauer Spätsommernacht bei reichlich Bier und Ramazotti mit mir bis ca. 22:30Uhr die Stellung.
Dann kam Utchen um mich abzutransportieren, vorher aber begleiteten wir die anderen noch bis zum Hotel "Engel".

Ein ebenso fröhlicher wie besinnlicher Abend ging zu Ende, an dem wir auch einstimmig beschlossen hatten, das nächste Treffen nicht wie bisher nach zwei Jahren, sondern bereits wieder im nächsten Jahr abzuhalten. Genauere Infos (wann genau und wo und wer diesmal den Hut auf hat) müssen jetzt diejenigen nachliefern, die bei der Beschlussfassung noch einen klaren Kopf hatten.

Danke für die schönen Stunden und bis zum nächsten Jahr!

Euer Walter

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30. Januar 2015, 14:18

Zu Gast bei Thilo Sarrazin



Es ist stockdunkel als wir uns inmitten einer langen Fahrzeug­schlange mühsam durch die lange Dorfstraße von Kosma, einem Örtchen unmittelbar an der Westgrenze Altenburgs gelegen, quälen.
Eine zermürbende Parkplatzsuche beginnt, denn die Straßenränder sind total mit Autos verstopft, dazwischen einige Polizeiwagen. Nachdem der gegenüberliegende Ortsausgang fast erreicht ist, findet sich endlich eine kleine Lücke, in welche nach mehreren Rangiermanövern unser Fahrzeug gerade noch so hineinpasst. Es ist purer Stress, denn hinter und vor uns hupt es, weil unser Einparkmanöver die enge Straße blockiert. Wären wir doch eher losgefahren, jetzt in der Hektik bloß keinen Blechschaden verursachen, cool bleiben! Endlich steht unser Auto leidlich gut und wir müssen uns beeilen, denn um acht beginnt die Veranstaltung und wir haben im straffen Tempo noch einige hundert Meter zu marschieren.

Am Dorfgasthof angelangt finden wir uns inmitten einer Menschentraube wieder, die in die weit geöffnete Eingangstür hineindrängt und von einer Polizeikette von einem knappen Dutzend überwiegend jüngerer Leute abgeschirmt wird, die Plakate in die Höhe halten, eine große rote SPD-Fahne schwenken und etwas in ein Megaphon hineinschreien. Dieses Häuflein, das dem angekündigten Redner (dem eigenen Parteigenossen!) Rechtspopulismus, Ausländer­feindlich­keit, Rassismus und Intoleranz vorwirft, wird aber von der herbeiströmenden Menge nicht weiter beachtet, Diskussionen oder gar Konfronta­tionen bleiben aus.

Nachdem wir im dichten Gewimmel endlich unsere Mäntel an der Garderobe losgeworden sind werden unsere Eintrittskarten (eine kostete stolze 21,90 €) geprüft. Anschließend kontrollieren schwarzgekleidete Sicherheitsbeamte akribisch Utes Handtasche (ihr kleiner Regenschirm wird genauestens untersucht, könnte es sich doch um eine Rohrbombe handeln ...) und auch meinen mitgeführten Aktenkoffer, dessen wesentlicher Inhalt allerdings nur aus dem verteufelten Buch im roten Umschlag und aus einem kleinen Fotoapparat besteht.

Nun endlich ist der Weg frei zum großen altehrwürdigen Saal, der mitsamt seiner umlaufenden hölzernen Galerie noch so urgemütlich aussieht wie Anfang des vergangenen Jahrhunderts und der bereits prall mit Menschen gefüllt ist. In dicker Luft stehen dicht gedrängt die Stuhlreihen und mühsam zwängen wir uns auf unsere Plätze 16 und 17 in der fünften Reihe.
Mein Blick schweift umher, ich schätze so etwa 500 bis 600 Gäste, kein bekanntes Gesicht aber dann doch wenigstens eins: zwei Reihen vor mir entdecke ich den mir von meiner ehemaligen Rotary-Mitgliedschaft her bekannten FDP-Politiker Karsten Z.

Nun wird es noch enger, denn auf den bislang noch freien Platz links neben mir zwängt sich ein schwarzgekleideter glatzköpfiger Mann mittleren Alters, ein frisch gefülltes Bierglas in der Hand.
Es ist bereits zehn Minuten nach acht als urplötzlich Stille eintritt und nur noch das dumpfe Brummen der Lüftung zu hören ist. Im aufsteigenden Raunen der Menge und im Geleit von Sicherheitsleuten schreitet aufrecht und mit schnellem Gang ein hochgewachsener schnurr­bärtiger Mitsechziger durch den Saal, das kurze silbergraue Haar sorgfältig gekämmt. Genau dieser Mann hat im vergangenen Jahr für eine gigantische mediale Hysterie gesorgt, zahlreiche Talkrunden im Fernsehen dominiert und Politiker aller Couleur in Aufregung versetzt. Auslöser für dieses politische Erdbeben war sein Buch "Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Dieser Bestseller ist das bislang am meisten verkaufte Politik-Sachbuch eines deutschsprachigen Autors im vergangenen Jahrzehnt. Heute und hier in diesem entlegenen Winkel Thüringens soll deutschlandweit sein insgesamt letzter Auftritt zu seiner insgesamt vierzehnmonatigen Lesereise quer durch Deutschland sein – das wollten und durften wir uns nicht entgehen lassen!

Das Raunen der Menge geht in tosenden Applaus über, der auf den hinteren Reihen immer stärker wird, nur auf den teuren Plätzen vor uns regt sich kaum eine Hand, Karsten Z. hat mit verschränk­ten Armen eine verbockte Abwehrhaltung eingenommen.

Begonnen hat alles im vergangenen Jahr mit dem Erscheinen des umstrittenen Buchs. Damals noch Vorstandsmitglied der Bundesbank hatte Sarazin darin u.a. einen höheren Integrations­druck auf muslimische Migranten gefordert. Man dürfe nicht zulassen, dass 40 Prozent dieser Menschen von Transfer­leistungen lebten und ihnen jede Form von Integration erspart bliebe.
In drei Wellen schwappte die Debatte über das Land:

In der ersten Welle dominierte Kritik bis hin zum Abscheu. Politiker und Meinungs­macher verurteilten Sarrazin nahezu einhellig, dazu gehörten insbesondere1:
- Claudia Roth (Partei DIE GRÜNEN), die Sarrazin als "Quartalsirren" bezeichnete.
- Margot Käßmann (EKD), die ihm "Menschenverachtung" vorwarf.
- Katrin Göring-Eckardt (Präses der EKD, Partei DIE GRÜNEN), die seine Äußerungen als "rassistisch" verurteilte.
- Andrea Nahles (SPD), die ihn als "unterbeschäftigten Bundesbanker mit ausgeprägter Profil­neurose" beschimpfte.
- Gesine Lötzsch (LINKE), die erklärte, er "hetze Menschen auf" und sei "untragbar".
- Renate Künast (Partei DIE GRÜNEN), die erklärte, die Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Sarrazin mache eine ganze "Bevölkerungsgruppe verächtlich", reiche nicht aus und ihm "Aufhetzung" vorwarf.

Dann sickerte in einer zweiten Welle durch, was die Mehrheit der Bürger denkt. Bereits wenige Tage nach dem Erscheinungstermin kündigte der Verlag an, wegen der riesigen Nachfrage die Buchauflage auf 250 000 Exemplare zu erhöhen. In Internetforen und bei politischen Veranstaltungen erhoben sich massenhaft Stimmen, die sagten: "Der Mann hat recht". Oder: "Selbst wenn er hier und dort nicht recht hat, darf so nicht mit ihm umgegangen werden".
In einer E-Mail an die SPD-Parteizentrale hieß es: "Warum es im heutigen Deutschland nicht mehr möglich ist, sich mit deutlichen Worten zu äußern und die Dinge ungeschminkt beim Namen zu nennen, lässt mich manchmal verzweifeln und macht mich wütend! So was kenne ich nur von totalitären Staaten."

Folgerichtig rollte dann die dritte Welle an, die auch bis heute noch nicht abgeklungen ist. Nun fordern viele der "schlaueren" Politiker, man müsse die Stimmung in der Bevölkerung aufnehmen, z.B. : "Auch wenn man manche seiner Thesen nicht teilen kann - er spricht Themen an, die unsere Bürgerinnen und Bürger bewegen."
Selbst dieses Zurückrudern auf breiter Front hielt aber SPD-Chef Gabriel nicht davon ab, ein Parteiausschlussverfahren gegen seinen Parteifreund anzustrengen. Dieses ehrgeizige Vorhaben scheiterte kläglich, es ließen sich keine stichhaltigen Anklagepunkte finden, keine der zahlreichen im Buch aufgeführten Statistiken ließ sich widerlegen, das Murren an der Parteibasis wurde lauter, man drohte mit Parteiaustritten.
Sarrazin war endgültig zum Märtyrer und Volkshelden aufge­stiegen. Umfragen beweisen, dass auch heute noch 70% der Menschen Sarrazin überwiegend recht geben.

Interessanterweise ist diese Relation bei unseren führenden "Volksvertretern" nach wie vor genau umgekehrt. Hat sich unsere politische Klasse so weit vom Volk entfernt?
Ich frage mich auch, ob einer der erbitterten Sarrazin-Gegner die 462 Seiten gründlich durch­gearbeitet oder überhaupt das Buch jemals in der Hand gehalten hat. Die mit zahlreichen Statistiken durchsetzte Lektüre ist nicht einfach, teilweise ist sie sogar ermüdend, denn es handelt sich hier um ein Buch, das nicht gelesen werden kann wie ein Roman, sondern durchgearbeitet werden muss wie ein Fachbuch, Schwätzer haben dazu weder die Zeit noch die Geduld.

Sarazins Kritiker schwingen mangels Gegenargumenten in der Regel die Rassismus-Keule. Ein Rassist ist aber nicht wer feststellt, dass Japaner anders aussehen als Afrikaner und dass die Unterschiede auf Vererbung beruhen. Rassist wäre auch nicht einmal wer feststellen würde, dass beispielsweise, die Chinesen im Durchschnitt intelligenter wären als die Deutschen. Denn diese Feststellung beinhaltet keinerlei Feststellung über die Intelligenz eines einzelnen Deutschen oder Chinesen.
Rassismus beginnt dort, wo nicht mehr auf das Individuum und sein Tun und Können geschaut wird, sondern wo eine ganze Gruppe pauschal und ausschließlich wegen ihrer ethnischen Herkunft bevorzugt oder benachteiligt wird!

Also unterm Strich ein gutes und außergewöhnlich fundiertes Buch, auch ich habe keine einzige Stelle gefunden, wo es gegen ethische Grundprinzipien und die Gebote der christlichen Nächsten­liebe und Barmherzigkeit verstößt. Wie jede andere seriöse wissenschaft­liche Arbeit hat es natürlich auch seine Schwachstellen mit missverständlichen Passagen für den, der es nicht gründlich genug lesen will. Als Grund für die Empörung der "Kritiker" kann ich letztendlich nur einen einzigen nach­vollziehen: Sarrazin nennt heikle Dinge beim Namen, bedient sich dazu wasserdichter Statistiken und einer klaren Sprache.

Das ist ungewöhn­lich in einem Land, in dem das Totschweigen unangenehmer Wahrheiten quasi zur ersten Bürgerpflicht geworden zu sein scheint. Wer möchte schon als Ewig-Gestriger, als Ausländerfeind und NPD-Sympathisant gelten?

Auf der kahlen, in grelles Licht getauchten Bühne stehen zwei klobige braune Sessel, im linken nimmt Thilo Sarrazin Platz, im rechten versinkt der Moderator, ein gewisser Manfred Osten, ebenfalls aus Berlin kommend und seines Amtes ehemaliger Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Nach kurzer Einführung des Herrn Osten erhebt sich Sarrazin und tritt an ein grünes Rednerpult. Im monotonen Tonfall und mit unbewegtem Gesicht (erleidet nach einer OP unter einer halbseitigen Gesichtslähmung) begrüßt er das so zahlreich erschienen Publikum, nein, er werde nicht aus seinem Buch vorlesen, aber er will aber kurz die wesentlichen Inhalte erklären, bevor er sich anschließend der Diskussion stellen wird.
In freier Rede, mitunter etwas stotternd, beschreibt der studierte Volkswirtschaftler und ehemalige Finanzsenator und Bundesbanker zunächst die Entstehungs­geschichte seines umstrittenen Werks.
Geplant war ein Buch über die zukünftige Finanzierbarkeit unseres Sozialstaates, über die Auswirkungen der rapide gesunkenen Geburtenrate und des steigenden Durchschnittsalters auf nachfolgende Generationen, über den möglichen Verlust der Führungsrolle Deutschlands als Wirtschaftsstandort. Vor allem aufgrund seiner beruflichen Tätigkeiten verfügte er über tiefe praktische Einblicke und hatte umfassenden Zugriff auf erstklassige Statistiken.

Bis heute habe ihm keiner seiner Kritiker fehlerhafte Zahlen nachweisen können, vermerkt er nicht ohne einen gewissen Stolz.
Ein begnadeter Redner ist er nicht, das aber wusste man schon aus seinen Fernsehauftritten, wo er sich allein auf weiter Flur des Wortschwalls geifernder Grünenpolitiker und öliger Moderatoren erwehren musste.
Aber er ist zweifelsfrei ein kluger Kopf und beeindruckt mit seinem unglaublichen Gedächtnis, seinem Wissen an Zahlen und Fakten.
Das beginnt mit seiner nüchternen Analyse über die Auswirkungen des Geburtenrückgangs in Deutschland. Werden wie jetzt nur noch 0,65 Mädchen pro Mutter geboren, schrumpft jede Generation um ca. 35%. Wenn sich das nicht ändert werden in ca. 3 bis 4 Generationen die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land. Die USA zum Beispiel haben eine deutlich höhere Geburtenquote, dort gibt es nicht dieses soziale Netz wie in Deutschland, die Rentenversicherung ist die Familie, deshalb sind Kinder dort so wichtig.

Obwohl unsere Unis mit Studenten der Geisteswissenschaften überfüllt sind fehle es an Ingenieuren, Mathematikern, Chemikern – seit Jahrzehnten ist hier ein Rückgang zu verzeichnen, immer mehr jungen Leuten mangelt es an mathematischer Kompetenz. Gibt es aber z.B. keine Maschinenbauer mehr, so verliert Deutschland seinen Status als führende Exportnation mit verheeren­den Folgen für den Sozialstaat. Dabei ginge es keinesfalls nur um Akademiker, so müsse z.B. ein Schreiner zumindest Quadratmeter berechnen können.
Auch sagt er, dass Intelligenz genauso vererbbar sei wie jede andere Eigenschaft, wer wollte dem widersprechen, wem nütze ein diesbezügliches Denkverbot? Das aber bedeutet noch lange nicht, dass ein Arbeiterkind dümmer sein muss als ein Arztkind. Wer das behauptet, versteht das Wesen einer Statistik nicht.
Für die unteren Einkommensgruppen sei es attraktiver Kinder zu bekommen als für die oberen, auch das ist richtig, denn jeder der mit offenen Augen durch dieses Land geht kann das sehen.

Nach etwa 20 Minuten schaut Sarrazin auf die Uhr und fragt die Leute, ob sie bemerkt hätten dass er das Wort "Einwanderung" noch nicht einmal in den Mund genommen habe. Auch in seinem Buch taucht es erst zu Beginn des letzten Drittels auf.
Auf dieses Thema sei er erst später beim Schreiben seines Buches gestoßen, als er diese gepriesene Wunderwaffe gegen den Geburtenrückgang auf Basis statistischer Daten untersuchen wollte.
Durch den Vergleich verschiedener (von der UN vorgegebener!) so genannter "Integrations­indikatoren" lässt sich nachweisen, dass sich Osteuropäer und Asiaten sehr schnell integrieren, bedeutende Defizite gebe es aber bei Einwanderern aus arabischen Ländern und Afrika, insbeson­dere also bei muslimischen Einwanderern. So hätten etwa 40% der Türken keinen Haupt­schulabschluss.
Für Belustigung sorgte seine Feststellung, dass laut einer Umfrage etwa 40% aller Türken in Berlin noch nie den Namen Sarrazin gehört hätten und das zu einer Zeit, als dieser fast ständig in den Medien präsent war. Das lege die Schlussfolgerung nahe, dass dieser Teil überhaupt nicht am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnimmt.
Eine andere Umfrage habe ergeben, dass ein großer Teil der Einwanderer gern in die alte Heimat zurückkehren würde, aber nur wegen der Sozialleistungen hier bliebe.

Wie auch in seinem Buch bleibt Sarrazin bei seinen Ausführungen betont sachlich, vermeidet Konfrontation und verlässt nie den Boden von statistisch eindeutig belegbaren Zahlen und Fakten.

Der Redner ist mit seinem Vortrag am Ende. Die Fragen, die in der nun anschließenden Diskussion gestellt werden, sind sachlich und niveauvoll, keine Pöbeleien wie bei einigen der vorhergehenden Lesungen, wo man ihn u.a. als "Nazischwein" beschimpfte. Jetzt hellen sich Sarrazins Gesichtszüge auf und man kann auch manch gut pointierten und scharfzüngigen Satz von ihm hören.

Ob er etwas weglassen würde, wenn er das Buch noch einmal schreiben könne, fragt jemand. Die Antwort ist ein klares "Nein".

Auf die Frage, wie er denn zur Politik der NPD stehe, reagiert er fast schon schroff: "Negativ. Wie denn sonst?".

Was er denn vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan halte, der sich bei seinen Deutschland­besuchen von seinen Landsleuten wie ein Messias feiern ließe und sogar gefordert hätte, dass die hier ab der zweiten Generation lebenden Türken zuerst Türkisch und dann erst Deutsch lernen sollten. Hier hat der Frager offensichtlich einen von Sarrazins neuralgischen Punkten getroffen. "Dieser Mensch (Erdogan) ist offensichtlich aus der Zeit gefallen", konstatiert er und vergleicht ihn mit Kaiser Wilhelm II. und dessen Ausspruch "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen".

Gefragt nach Lösungen für die in seinem Buch genannten tiefgreifenden Probleme fällt ihm nur ein "Wählen Sie jeden Politiker ab, der Probleme verneint und verharmlost", für viele scheint diese Antwort aber unbefriedigend zu sein. Ein anderer Fragesteller würde deshalb Sarrazin gern an der Spitze einer neuen Partei sehen, der aber weist derartige Ambitionen strikt zurück und fordert, dass der mündige Bürger seinen Einfluss an der Wahlurne gelten machen solle.
Großen Applaus erhält sein Satz "Solange opportunistische Schwätzer durch Wiederwahl belohnt werden, muss sich der Bürger nicht wundern."

Nach zwei Stunden ist alles vorbei. Es gibt tosenden Beifall für einen klugen und furchtlosen Mann, der wohl auch deshalb so viele Sympathien genießt, weil er der exakte Gegenpol zum stromlinien­förmigen, redegewandten und ansonsten inhaltsleeren Berufs­politiker ist.

Im Gang rechts neben der Bühne ist ein Verkaufsstand aufgebaut. Dahinter steht mit breitem Grinsen ein mir hinreichend bekannter Altenburger Buchhändler, der große rote Stapel auf seinem Tisch hat deutlich an Höhe verloren. Daneben warten in einer langen Schlange die Menschen, um sich ihr Exemplar vom Autor signieren zu lassen. Endlich bin auch ich an der Reihe, Utchen gelingt ein Foto.

Es dauert lange, bis sich der Saal geleert hat und die Schlange an der Garderobe überschaubar geworden ist. In der Zwischenzeit gönnen wir uns ein Bier und beobachten die Szenerie rund um Sarrazin, der beschattet von Bodyguards in stoischer Gelassenheit nach wie vor eifrig signiert.

Draußen vor dem Gasthof tiefes Durchatmen. Der Wind hat aufgefrischt, der lang ersehnte Regen liegt in der Luft.

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Redakteur

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30. Januar 2015, 09:03

Der Radfahrer

(Mein Beitrag zu einem "Lyrikwettbewerb" als Schüler der EOS Rochlitz 1963)

Zu später Stunde,
nicht hörend auf des Freundes mahnend Wort,
bestieg er das Rad zur letzten Runde,
verließ den sich'ren Ort.

Herüber zog ein Ungewitter,
Donner grollte,
doch er verzagte nicht, der wack're Ritter,
sein Heim er heut noch sehen wollte.

Und mitten in des Rades schnellen Lauf,
da war ein Knall, da zischte Rauch,
krachend schlug die Felge auf,
zerschnitten war der Schlauch.

Verlassen war der tapf're Held,
Blitze zuckten, Regen peitschten,
entschlossen jagt er übers nasse Feld,
Hasen flohen, Krähen kreischten.

Jetzt war erreicht der Waldessaum,
das Stahlroß lag im Grase,
hier unter einem Eichenbaum
er überstand die schwerste Phase.

Des Ungewitters Zorn verklang
und sanfter fiel der Regen,
der wack're Held sein Hemd auswrang,
ging dem Ziel entgegen.

In dunkler Nacht erreicht er matt
den Ort, den er verlassen,
schleppt sich zu seiner Lagerstatt
und Ruhe war in den Gassen.


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