Mein Blog   

Bitte hier zunächst die gewünschte Kategorie wählen (z.B. "Klassentreffen"), sonst geht es durcheinander wie Kraut und Rüben!!!

 

 

 

 


05. Mai 2017, 10:35

Das königliche Spiel

Hier stelle ich täglich neue Schachaufgaben in drei Schwierigkeitsstufen vor. Viel Spaß!

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


22. Februar 2015, 19:31

Hoch in der Luft

Ich weiß es inzwischen zu schätzen, dieses unbeschreib-liche Gefühl des freien Flugs. Die Wende hat es möglich gemacht, auch diesen Jugendtraum zu erfüllen.

Ich blicke auf das Jahr 1993 zurück und sehe mich hoch oben an einem Berghang des Schwarzwalds stehen, hinter mir hohe Tannenbäume und vor mir ein steiler grasbewach-sener Berghang, der von einer bereits tief am Horizont stehenden Sonne in spätsommerliches Licht getaucht wird. Weit in der Ferne grüßt die Silhouette des Freiburger Doms. Eine wahre Idylle, akustisch untermalt von nahem Kuhglockengebimmel.

Es ist der letzte Abend unseres einwöchigen Gleitschirm­flieger­lehrgang​s, den ich gemeinsam mit meinem Bruder Martin besuche. Wir beiden sind die absoluten Oldies der Gruppe, die ansonsten aus einem guten Dutzend abenteuer­lustiger junger Leute im Alter zwischen zwanzig und dreißig besteht. Die zurückliegende Woche war anstrengend, besonders das sich ständig wiederholende beschwerliche Bergsteigen auf die halbe Höhe des Hangs, das geraffte grellbunte Schirmpaket auf den Schultern und die schweren Springerstiefel an den Füßen. Oft musste ich dabei schnaufend und schweißgebadet pausieren, während mich einige der Jüngeren leichtfüßig überholten. Heute ist der letzte Flug zu absolvieren. Gleichzeitig ist das die praktische Abschlussprüfung für den L-Pilotenschein, der uns noch heute bei der Abschieds­fete feierlich aus­gehändigt werden soll.

So hoch wie jetzt sind wir noch nie gestartet. Die Differenz zum Landeplatz beträgt diesmal ca. 100m. Das Tal tief unter uns liegt schon im Schatten. Auf halbem Weg dorthin steht der Fluglehrer, er ist als dunkler Punkt kaum noch wahr­zunehmen.
Ich bin zufällig als Erster an der Reihe. Aller Augen sind erwartungsvoll auf mich gerichtet. Eine sanfte Luftbrise streicht mir ins Gesicht, die Bedingungen scheinen ideal zu sein. Martin hilft mir beim obligatorischen 7-Punkte Check:
- Liegen die Lufteintrittsöffnungen des Schirmes frei?
- Sind die A- und die B-Ebene der Leinen wirklich nicht ineinander verfitzt?
- Lässt sich die Bremse frei bewegen?
- Sind die Karabinerhaken am Gurtzeug geschlossen?
- Sitzt der Helm fest?
- Weht der Wind günstig?
- Ist der Luftraum über mir frei?

Natürlich bin ich aufgeregt, denn bei allen bisherigen Übungsflügen hatten wir nur maximal 20 Meter Höhe erreicht und wurden dabei vom Fluglehrer dirigiert, der dazu in jeder Hand eine große rote Kelle schwenkte. Synchron dazu mussten wir an den beiden Steuerleinen ziehen, da konnte kaum etwas schiefgehen.

Allerdings war erst wenige Wochen zuvor eine Flugschülerin direkt in das Scheunendach des Bauerngehöftes gerast, das rechter Hand unten im Tal liegt. Der Bauer muss bei diesem Getöse gedacht haben, der Leibhaftige sei höchstpersönlich herniedergefahren, um ihn heimzusuchen. Der Unglücks­pilotin ist glücklicherweise – außer einem Kiefernbruch, verursacht durch das Helmvisier, welches beim Aufprall gegen die Kinnlade gedrückt wurde – nichts Ernsthaftes passiert. "Blackout, ", war dazu der nüchterne Kommentar des Fluglehrers, "... die Frau hat ohne ersichtlichen Grund nicht mehr auf meine Anweisungen reagiert und in Panik die Steuerleinen einfach baumeln lassen ...". Das Dach der Scheune wurde bei dieser Gelegenheit gleich neu eingedeckt und ist jetzt von meiner momentanen Position aus als satter roter Farbfleck zu erkennen.

Das Startsignal! In Gedanken bekreuzige ich mich :"Herr Gott lass es gelingen ..". Die Arme sind nach hinten gestreckt, wie beim Startsprung ins Schwimmbecken. Fest in beiden Händen die Leinengurte und die Griffe der Bremse renne ich mit kurzen schnellen Schritten den Hang hinunter, der hier oben auf dem Plateau zunächst noch ziemlich sanft verläuft. Ich spüre den Ruck an den Händen und hinter mir bläht sich der mächtige gelbschwarze, ca 12m breite und 2m schmale Schirm auf. Sein Namen, "Black Magic", ist jetzt in großer schwarzer Kunstschrift deutlich zu lesen.. Bei ca. 25km/h Differenz von Eigen- und Windgeschwindigkeit wird sich das Doppelsegel über mir so weit mit Luft gefüllt haben, dass es quasi die Eigenschaften eines starren Flügels erhält, der mich in die Höhe tragen wird.
Ich spüre bereits den Zug am Gurtzeug und schaue nun zum obligatorischen letzten Kontrollblick nach oben.
Aber was sehe ich da zu meinem Entsetzen? Der im Wind knatternde Schirm hat eine bedrohliche Schieflage erreicht und neigt sich immer weiter nach links. Ich versuche verzweifelt ihn zu unterlaufen und zu korrigieren und rase dabei zickzackförmig, gleich einem hakenschlagenden Hasen, über die jetzt immer steiler abfallende Bergwiese. Doch da ist nichts mehr zu retten.
"Abbrechen !, Abbrechen !" schreit es hinter mir, ich gebe im letzten Moment auf und leite die Notbremsung ein. Der irre Veitstanz ist zu Ende.
"Black Magic" klappt über mir zusammen und zerrt mich dabei noch ca. 10 m über den Boden. Den Schmerz am rechten Ellenbogen und die Schürfwunde am linken Oberschenkel werde ich erst viel später spüren. Gerade noch rechtzeitig vor dem hölzernen Weidezaun, dort wo der Steilhang beginnt, endet die Rutschpartie.

Ja, da gibt es keinen Zweifel: Diesen entscheidenden Start habe ich total verpatzt, wahr­scheinlich war auch eine der Luftturbulenzen mit daran schuld, die um diese Tageszeit immer an Wald­kanten entstehen. Ich raffe betäubt und irritiert meinen Black-Magic zusammen und steige langsam wieder bergauf. Auf Hose und Jacke haben sowohl Grasflecke als auch Kuhfladen ihre grünen und braunen Spuren hinterlassen.
Die Reihe der Flugschüler erwartet mich stumm vor den startklar ausgebreiteten Schirmen. Die Hände, die sich schon zum Sonderapplaus für meine Premiere erhoben hatten, sind wieder herabgesunken. Hinter den schmalen Visieröffnungen der futuristischen Helme erahne ich versteinerte Gesichter. In unseren Kreisen ist Schadenfreude verpönt, aber diesmal hätte ich mir sehnlichst ein wieherndes Gelächter gewünscht, das hätte erlösend gewirkt und den nervlichen Druck von mir genommen. Ich hoffe aber noch auf eine letzte Chance!

Nun kann ich mir erstmal mit ansehen, wie nacheinander alle übrigen Teilnehmer und auch Bruder Martin mehr oder weniger mühelos vom Boden abheben und unter den riesigen bunten Segeln hoch über dem Tal entschweben.

Die dünnen Schnüre, an denen die Piloten unter dem Schirm hängen, heißen im Fachjargon "Leinen". Sie sind aus hochfesten Karbonmaterialien geflochten. Man kann sie nur aus nächster Nähe erkennen, spinnenhaft dünn verschmelzen sie bald mit dem Himmelsblau, so dass der Mensch völlig frei im Raum zu schweben scheint.
Beim Entwirren der total verfitzten Leinen meines dreckverschmierten "Black Magic" gerate ich gehörig ins Schwitzen, allzumal einige gemeine "Verdreher" zu beseitigen sind. Die Zurückgebliebenen helfen mir dabei, denn bald wird die Sonne hinter dem gegenüberliegenden Höhenzug verschwinden. Mit dem Aussetzen der Thermik endet auch der Auftrieb spendende Talwind und der gefährliche Bergwind fährt von hinten in den Schirm. Der Fluglehrer wird dann gnadenlos zum Abbruch blasen. Nervös beobachte ich die gelben Säcke der Windmesser, die schon bedrohlich auf den bevorstehenden Umschwung hindeuten.

Ich bin mittlerweile zur einsamen Figur hier oben auf dem Berg geworden. Jetzt ist der hilfsbereite Student aus Würzburg als vorletzter gerade gelandet, seine lautes Freudengejodel während des Flugs klingt mir noch im Ohr. Alle anderen tanzen schon weit unten neben dem Bauerngehöft als dunkle Punkte um die bunten Flecken ihrer Schirme, falten sie schulmäßig zusammen und verstauen sie in die riesigen Rucksäcke.

Endlich erhalte ich doch noch das ersehnte Signal vom Fluglehrer und laufe los als ginge es um mein Leben. Diesmal muss mir ein Bilderbuchstart gelingen, ein zweites Debakel darf es einfach nicht geben! Eine unwiderstehliche fremde Kraft zieht mich plötzlich nach oben, ich hebe ab!

Niemals mehr im Leben werde ich die folgenden zwei Minuten vergessen, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen. Ich fliege hoch über dem Tal der unter­gehenden roten Sonne entgegen. Jetzt stört nur noch das leise röhrende Pfeifen des in die Luftkammern einströmenden Windes die Abendstille. Ein unbeschreib­liches Glücksgefühl ergreift mich. Die Angst vor den berüchtigten Rotoren und Thermikwalzen, die als unsichtbare Gefahr überall in der Luft lauern können, ist weggeblasen wie alle sonstigen Nöte und Sorgen des Alltags. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein !
Bei solch einem relativ langen Flug bleibt genügend Zeit, um die herrliche Landschaft aus der Vogelperspektive zu genießen. Unter mir weidet unbeeindruckt die Kuhherde des Bauern, dem das Trainingsgelände gehört. Ich blicke über Berge, Wiesen und Wälder. Mittlerweile aber hat der Schirm merklich an Höhe verloren und fliegt direkt auf das rote Dach des Bauernhofes zu, die Kameraden sind jetzt deutlich zu erkennen, einige rufen laut und winken. Ich gerate nicht in Panik sondern korrigiere die Flugrichtung durch vorsichtiges Ziehen der linken Bremsleine, der Landeanflug wird eingeleitet.

Langsam und störrisch, wie bei einer ausgeleierten Autolenkung, folgt Black Magic meinen Anweisungen. Er neigt sich etwas nach links und schwebt in einer sanften Kurve am Bauernhof vorbei, in sicherem Abstand über die Bäume am Straßenrand und über eine Freileitung hinweg. Der im Dämmerungslicht dunkelgrün flimmernde Boden kommt jetzt rasch näher. Nun muss ich mich voll auf die Landung konzentrieren. Ich steuere eine günstige Stelle an, direkt hinter dem Entwässerungs­graben, der die im Abendtau nassglänzende Wiese durchzieht. Die Landung gelingt mir schulmäßig. In etwa 5m Höhe reiße ich beide Bremsleinen mit einem Ruck bis zum Anschlag durch, richte mich im Gurtzeug auf und beginne noch in der Luft zwei drei Schritte zu laufen. Langsam klappt Black Magic über mir zusammen und mildert so den freien Fall. Ein sanfter Stoß auf Knie und Rücken staucht mich in wabbligen Boden - die Erde hat mich wieder.

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


22. Februar 2015, 12:19

Der Gelobte Strand von Blokhus



Unsere Fahrzeuge nehmen eine letzte Kurve auf der hitze-flimmernden Asphaltstraße, die dann plötzlich zur Sandpiste wird. Im Schrittempo zwängen wir uns durch ein Gewimmel leicht bekleideter und bunt bemützter Menschen, die einen Eiskiosk belagern. Die durch das offene Schiebedach eindringende Luft riecht angenehm salzig, das Dröhnen der nahen Meeres-­brandung übertönt die Motor-­geräusche.
Links und rechts hoch aufragende weiße Sanddünen, die sich wie ein Tor öffnen.

Da liegt er nun vor uns und breitet sich in unend­licher Weite aus. "Der Gelobte Strand !", schiesst es mir bei seinem Anblick durch den Kopf, assoziiert durch die biblische Geschichte vom Gelobten Land, welches das Volk Israel unter Führung von Moses nach vierzig­jähriger mühevoller Wanderung endlich fand.

Bibelzitat (5. Buch Mose 32, 48):
"Gehe auf den Berg und schaue das Gelobte Land Kanaan, das ich den Kindern Israel zum Eigentum geben werde."

Das Bild, das sich unseren Augen jetzt bietet, entschädigt für die fast 100 km lange Anfahrt quer durch Jütland in drückender hochsommerlicher Schwüle. Kein Vergleich mit dem schmalen, mit toten Quallen und ekligem Tang übersäten Badestrand von Ostern Hurup, einem kleinen, am Kattegat gelegenen Badeort, wo wir unseren diesjährigen Familienurlaub verbringen.

Es sind die letzten Tage des Monats Juli in diesem Jahrhundertsommer 1994, schon seit geraumer Zeit stöhnt Europa unter dieser unerträglichen Hitzewelle, die selbst die skandinavischen Regionen des Kontinents nicht verschont. 35 Grad Luft- und 22 Grad Wassertemperatur für Nord- und Ostsee - wann hatte es so etwas schon einmal gegeben ? Das Satellitenfernsehen meldete aus der Heimat 40 Grad im Schatten und selbst am Nordkap soll das Thermometer dieser Tage noch 18 Grad anzeigen. Hier in der Jammerbucht im Nordwesten von Dänemark, dort wo Skagerak und Nordsee ineinander übergehen, liegt Europas längster und breitester Sandstrand. Aufgrund der hier allgemein vorherrschenden klimatischen Bedingungen gehört er sicherlich nicht zu den Topadressen der mallorcaverwöhnten deutschen Touristenströme. Heute wölbt sich hier ein strahlend­­blauer Himmel über einem tiefblauen Meer, das mit imposanten weißen Schaumkronen verziert ist. Eine erfrischend steife Brise weht uns ins Gesicht.

Dieser Strand ist ein Traum: Mehr als 100m breit und mit feinem festen Sand bedeckt. Seine Länge ist vom Auge nicht mehr zu erfassen und verschwindet im hochsommerlichen Dunst. Darüber ein hoher, lichter Himmel, der erst hinter Grönland zu enden scheint. Wir sind erstaunt: Man darf mit dem Auto, wie auf einer riesigen breiten Piste, den Strand entlangfahren. In größeren Abständen stehen, soweit das Auge reicht, die Fahrzeuge direkt am Wasser, daneben hat man es sich mit Kind und Kegel unter Sonnenschirmen bequem gemacht und genießt die Natur. Juchzend und schreiend lassen sich die Menschen von der anstürmenden Brandung umreißen. Zwar ist das Wasser hier noch etwas salzhaltiger als im Kategatt - aber dafür glasklar und frei von Tang und Algen.

Wir haben die Dänen bis jetzt als sehr umweltbewusst kennen gelernt. Keine Bier- und Colabüchsen in den Supermärkten, kaum Raserei auf den Straßen und Autobahnen, überall Windräder zur Erzeugung von Elektroenergie. Aber langsam begreifen wir: auch das hier ist kein Affront gegen die Natur. Im Gegenteil, das Anlegen riesiger Parkplätze hinter den Dünen zusammen mit den entsprechenden Zubringer-Trampelpfaden würde einen weitaus größeren Eingriff in die Naturlandschaft bedeuten.

Angesichts des unglaublich weiten Strands wirken hier die Autos klein und harmlos, wie sie lautlos dahin gleiten, da ihr Motorengeräusch vom Wind verschluckt wird.
Die den Strand begrenzenden Dünen bilden eine steile Hügelkette. Sie sind nur teilweise mit hohem Gras bewachsen und mit dem herrlichsten und vollkommensten weißen Sand bedeckt, den wir je in unserem Leben gesehen haben.

Der nächste Tag ist der 31. Juli und genauso heiß wie seine Vorgänger. Natürlich fahren wir wieder zu unserem "Gelobten Strand" und nehmen die lange Anfahrt gern in Kauf. Fairerweise muss man hierzu allerdings bemerken, dass Autofahren in Dänemark selbst in der Hochsaison nicht vergleichbar ist mit den hektischen deutschen Verkehrsverhältnissen. Statt Streß und Stau - ein ruhiges und gemächliches Dahingleiten bei 80kmh auf der Landstraße und 110kmh auf der Autobahn. Man trifft fast mehr Radfahrer als Kraftfahrzeuge, viele Getreidefelder und Pferdekoppeln, wenig Industrie. Hier und da überragen rotierende Windräder auf silbernen Masten die flache Landschaft.

Auch heute scheint die Sonne so wie jeden Tag bisher. Auffällig sind nur die vielen Autos, die uns bereits jetzt aus Richtung Strand entgegenkommen, obwohl die Sonne noch hoch im Zenit steht. Endlich am Tagesziel eingetroffen, erhält unsere Erwartungs­euphorie einen ersten Dämpfer. Die herrlichen Wellen des gestrigen Tages sind verschwunden, müde schwappt die See über den auf Dutzende von Metern Breite durchnäßten Ufersand.

Das Traumbild vom Gelobten Strand erhält weitere Risse, als uns bereits beim Aufschlagen des Lagers und beim Auspacken der Picknick­utensilien eine riesige Armada von Marien­käfern überfällt, sich in den Haaren verfängt, in die Körper beißt und zwickt und die Autos allmählich mit einer rotschwarzen Schicht überzieht. Bundesgenossen finden sie in kleinen, nicht minder heimtückischen Strandwespen, die sich in etwas geringerer Zahl aber ebenso ekelerregend an den gemeinen Attacken auf die Gattung Mensch beteiligen.

Wild um uns schlagend versuchen wir uns Ruhe zu verschaffen, später wickeln wir uns in Decken und Handtücher ein. Doch die widerlichen Insekten lassen sich dadurch nicht beeindrucken, sie scheinen an Zahl zuzunehmen, krabbeln durch die Schwachstellen der Deckung und versuchen sogar, in Ohren- und Nasenlöcher zu kriechen.

Der Geist des traumhaft schönen Gelobten Strandes läßt sich nun nicht mehr heraufbeschwören. Selbst im Wasser, in dem bereits viele ihrer verendeten Artgenossen treiben, werden wir von der außer Kontrolle geratenen Insektenpopulation verfolgt.
Noch einmal keimt vage Hoffnung auf: Vielleicht finden wir in der himmlischen Dünenlandschaft Ruhe vor den Quälgeistern und können dort unser Lager aufschlagen ?

Ich breche zur Erkundung auf. Am Fuß der hoch aufragenden Dünen ange­kommen, werden meine Illusionen schlagartig zerstört. Noch ärger als am Strand und in dunklen Myriaden schwirren die widerlichen Insekten in der Luft und verdunkeln den Horizont über den Hügeln. Sie kleben an den Grashalmen oder krabbeln dicht an dicht über den Boden. Hier scheint ihre Hochburg zu sein, hier vermehren sie sich und brechen auf zu ihren verheerenden Strandüberfällen.

Bald bin ich wie ein Imker von einem surrenden Schwarm des Ungeziefers umgeben, sie krabbeln die Beine hoch, kriechen über die Sonnenbrille in die Haare, zwicken in den Nacken. Mit einem wilden Veitstanz und einem langen Sprint rette ich mich zurück zum Ufer. So endet der Ausflug zu den Dünen im Debakel. Doch auch der Strand wird mehr und mehr zur Hölle - es ist nicht mehr auszuhalten!

Den Hunderten erwartungs­froher Bade­gästen ergeht es ähnlich. Sie ergreifen vor den Insektenschwärmen die Flucht, reger Fahrverkehr setzt ein und langsam leert sich die weite Bucht. Auch wir packen nun fast panikartig unsere sieben Sachen und verlassen ihn nach einer knappen halben Stunde wieder - unseren Gelobten Strand. Auf dem Rückweg müssen wir entgegen­kommenden Fahrzeugen ausweichen und die feste Fahrspur verlassen. Unser knallroter Ford bleibt im Sand stecken und muss unter Mitwirkung aller Insassen und unter ständigen Attacken der außer Rand und Band geratenen Insekten­schwärme mühevoll wieder flottgemacht werden.

Dann hängen wir stumm in den Autopolstern, kein Blick mehr für die herrlichen Kiefernwälder und endlosen Heidetäler. Nach langer Fahrt wieder in unserer Ferienhütte angekommen, quellen noch Scharen der schwarzgepunkteten Quälgeister aus Schuhen, Kleidungsstücken und allen Ritzen und Winkeln der Autos. Ich schlage diesmal erbar­mungslos zu, wohlwissend, dass das offene schriftliche Bekenntnis zu diesen Untaten mir die Konfrontation mit manchem der zahlreichen selbsternannten Tierschützer einbringen kann.

Heute kann ich ganz schlecht einschlafen, ich versuche immer wieder vergeblich, das Käferdrama einzu­ordnen und zu werten: Ein winziges, sich dieser Tage witterungsbedingt und explosionsartig vermehrendes, Insekt hat uns die Illusion vom Gelobten Strand gründlich verdorben und ein neues und völlig unerwartetes Feindbild geschaffen. Bislang war der Marienkäfer ein liebenswertes Tier, quasi ein Gruß aus fernen Kindertagen, wo wir ihn mit Kosenamen wie "Mutschekiepchen" oder "Himmelmietzchen" bedachten. Mit Begei­sterung hatten wir damals jedes Exemplar vor dem Tode des Ertrinkens aus dem Wasser gerettet und anschließend getrocknet und gepäppelt bis zur Wiederherstellung der Flugfähigkeit.

Jetzt aber ist ER plötzlich nicht mehr der "liebe Käfer". ER hat uns nicht nur für einen Tag belästigt, denn das hätten wir IHM vielleicht großzügig verziehen. ER hat uns viel Schlimmeres angetan - ER hat uns die Illusion vom Gelobten Strand, vom gefunden geglaubten ewigen Urlaubsparadies, gründlich und unwiderruflich verdorben.

Aber wir wollen IHM gegenüber nicht ungerecht sein: ER hat uns auch geholfen, wieder auf den Boden der Realitäten zurückzukehren und zu erkennen die Vergänglichkeit des Lebens und die Unmöglichkeit, das Glück festzuhalten.

Und es bleibt die sichere Hoffnung: Irgendwann einmal - oder vielleicht auch schon sehr bald - wird es wieder so sein wie an jenem schönen Tag, bevor der Käfer kam. Und dann werden wir ihn aufs neue entdecken und genießen - den geliebten und gelobten Strand von Blokhus!

Redakteur

Kommentare (0)

Kommentieren


30. Januar 2015, 09:03

Der Radfahrer

(Mein Beitrag zu einem "Lyrikwettbewerb" als Schüler der EOS Rochlitz 1963)

Zu später Stunde,
nicht hörend auf des Freundes mahnend Wort,
bestieg er das Rad zur letzten Runde,
verließ den sich'ren Ort.

Herüber zog ein Ungewitter,
Donner grollte,
doch er verzagte nicht, der wack're Ritter,
sein Heim er heut noch sehen wollte.

Und mitten in des Rades schnellen Lauf,
da war ein Knall, da zischte Rauch,
krachend schlug die Felge auf,
zerschnitten war der Schlauch.

Verlassen war der tapf're Held,
Blitze zuckten, Regen peitschten,
entschlossen jagt er übers nasse Feld,
Hasen flohen, Krähen kreischten.

Jetzt war erreicht der Waldessaum,
das Stahlroß lag im Grase,
hier unter einem Eichenbaum
er überstand die schwerste Phase.

Des Ungewitters Zorn verklang
und sanfter fiel der Regen,
der wack're Held sein Hemd auswrang,
ging dem Ziel entgegen.

In dunkler Nacht erreicht er matt
den Ort, den er verlassen,
schleppt sich zu seiner Lagerstatt
und Ruhe war in den Gassen.