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30. Januar 2015, 14:18

Zu Gast bei Thilo Sarrazin



Es ist stockdunkel als wir uns inmitten einer langen Fahrzeug­schlange mühsam durch die lange Dorfstraße von Kosma, einem Örtchen unmittelbar an der Westgrenze Altenburgs gelegen, quälen.
Eine zermürbende Parkplatzsuche beginnt, denn die Straßenränder sind total mit Autos verstopft, dazwischen einige Polizeiwagen. Nachdem der gegenüberliegende Ortsausgang fast erreicht ist, findet sich endlich eine kleine Lücke, in welche nach mehreren Rangiermanövern unser Fahrzeug gerade noch so hineinpasst. Es ist purer Stress, denn hinter und vor uns hupt es, weil unser Einparkmanöver die enge Straße blockiert. Wären wir doch eher losgefahren, jetzt in der Hektik bloß keinen Blechschaden verursachen, cool bleiben! Endlich steht unser Auto leidlich gut und wir müssen uns beeilen, denn um acht beginnt die Veranstaltung und wir haben im straffen Tempo noch einige hundert Meter zu marschieren.

Am Dorfgasthof angelangt finden wir uns inmitten einer Menschentraube wieder, die in die weit geöffnete Eingangstür hineindrängt und von einer Polizeikette von einem knappen Dutzend überwiegend jüngerer Leute abgeschirmt wird, die Plakate in die Höhe halten, eine große rote SPD-Fahne schwenken und etwas in ein Megaphon hineinschreien. Dieses Häuflein, das dem angekündigten Redner (dem eigenen Parteigenossen!) Rechtspopulismus, Ausländer­feindlich­keit, Rassismus und Intoleranz vorwirft, wird aber von der herbeiströmenden Menge nicht weiter beachtet, Diskussionen oder gar Konfronta­tionen bleiben aus.

Nachdem wir im dichten Gewimmel endlich unsere Mäntel an der Garderobe losgeworden sind werden unsere Eintrittskarten (eine kostete stolze 21,90 €) geprüft. Anschließend kontrollieren schwarzgekleidete Sicherheitsbeamte akribisch Utes Handtasche (ihr kleiner Regenschirm wird genauestens untersucht, könnte es sich doch um eine Rohrbombe handeln ...) und auch meinen mitgeführten Aktenkoffer, dessen wesentlicher Inhalt allerdings nur aus dem verteufelten Buch im roten Umschlag und aus einem kleinen Fotoapparat besteht.

Nun endlich ist der Weg frei zum großen altehrwürdigen Saal, der mitsamt seiner umlaufenden hölzernen Galerie noch so urgemütlich aussieht wie Anfang des vergangenen Jahrhunderts und der bereits prall mit Menschen gefüllt ist. In dicker Luft stehen dicht gedrängt die Stuhlreihen und mühsam zwängen wir uns auf unsere Plätze 16 und 17 in der fünften Reihe.
Mein Blick schweift umher, ich schätze so etwa 500 bis 600 Gäste, kein bekanntes Gesicht aber dann doch wenigstens eins: zwei Reihen vor mir entdecke ich den mir von meiner ehemaligen Rotary-Mitgliedschaft her bekannten FDP-Politiker Karsten Z.

Nun wird es noch enger, denn auf den bislang noch freien Platz links neben mir zwängt sich ein schwarzgekleideter glatzköpfiger Mann mittleren Alters, ein frisch gefülltes Bierglas in der Hand.
Es ist bereits zehn Minuten nach acht als urplötzlich Stille eintritt und nur noch das dumpfe Brummen der Lüftung zu hören ist. Im aufsteigenden Raunen der Menge und im Geleit von Sicherheitsleuten schreitet aufrecht und mit schnellem Gang ein hochgewachsener schnurr­bärtiger Mitsechziger durch den Saal, das kurze silbergraue Haar sorgfältig gekämmt. Genau dieser Mann hat im vergangenen Jahr für eine gigantische mediale Hysterie gesorgt, zahlreiche Talkrunden im Fernsehen dominiert und Politiker aller Couleur in Aufregung versetzt. Auslöser für dieses politische Erdbeben war sein Buch "Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Dieser Bestseller ist das bislang am meisten verkaufte Politik-Sachbuch eines deutschsprachigen Autors im vergangenen Jahrzehnt. Heute und hier in diesem entlegenen Winkel Thüringens soll deutschlandweit sein insgesamt letzter Auftritt zu seiner insgesamt vierzehnmonatigen Lesereise quer durch Deutschland sein – das wollten und durften wir uns nicht entgehen lassen!

Das Raunen der Menge geht in tosenden Applaus über, der auf den hinteren Reihen immer stärker wird, nur auf den teuren Plätzen vor uns regt sich kaum eine Hand, Karsten Z. hat mit verschränk­ten Armen eine verbockte Abwehrhaltung eingenommen.

Begonnen hat alles im vergangenen Jahr mit dem Erscheinen des umstrittenen Buchs. Damals noch Vorstandsmitglied der Bundesbank hatte Sarazin darin u.a. einen höheren Integrations­druck auf muslimische Migranten gefordert. Man dürfe nicht zulassen, dass 40 Prozent dieser Menschen von Transfer­leistungen lebten und ihnen jede Form von Integration erspart bliebe.
In drei Wellen schwappte die Debatte über das Land:

In der ersten Welle dominierte Kritik bis hin zum Abscheu. Politiker und Meinungs­macher verurteilten Sarrazin nahezu einhellig, dazu gehörten insbesondere1:
- Claudia Roth (Partei DIE GRÜNEN), die Sarrazin als "Quartalsirren" bezeichnete.
- Margot Käßmann (EKD), die ihm "Menschenverachtung" vorwarf.
- Katrin Göring-Eckardt (Präses der EKD, Partei DIE GRÜNEN), die seine Äußerungen als "rassistisch" verurteilte.
- Andrea Nahles (SPD), die ihn als "unterbeschäftigten Bundesbanker mit ausgeprägter Profil­neurose" beschimpfte.
- Gesine Lötzsch (LINKE), die erklärte, er "hetze Menschen auf" und sei "untragbar".
- Renate Künast (Partei DIE GRÜNEN), die erklärte, die Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Sarrazin mache eine ganze "Bevölkerungsgruppe verächtlich", reiche nicht aus und ihm "Aufhetzung" vorwarf.

Dann sickerte in einer zweiten Welle durch, was die Mehrheit der Bürger denkt. Bereits wenige Tage nach dem Erscheinungstermin kündigte der Verlag an, wegen der riesigen Nachfrage die Buchauflage auf 250 000 Exemplare zu erhöhen. In Internetforen und bei politischen Veranstaltungen erhoben sich massenhaft Stimmen, die sagten: "Der Mann hat recht". Oder: "Selbst wenn er hier und dort nicht recht hat, darf so nicht mit ihm umgegangen werden".
In einer E-Mail an die SPD-Parteizentrale hieß es: "Warum es im heutigen Deutschland nicht mehr möglich ist, sich mit deutlichen Worten zu äußern und die Dinge ungeschminkt beim Namen zu nennen, lässt mich manchmal verzweifeln und macht mich wütend! So was kenne ich nur von totalitären Staaten."

Folgerichtig rollte dann die dritte Welle an, die auch bis heute noch nicht abgeklungen ist. Nun fordern viele der "schlaueren" Politiker, man müsse die Stimmung in der Bevölkerung aufnehmen, z.B. : "Auch wenn man manche seiner Thesen nicht teilen kann - er spricht Themen an, die unsere Bürgerinnen und Bürger bewegen."
Selbst dieses Zurückrudern auf breiter Front hielt aber SPD-Chef Gabriel nicht davon ab, ein Parteiausschlussverfahren gegen seinen Parteifreund anzustrengen. Dieses ehrgeizige Vorhaben scheiterte kläglich, es ließen sich keine stichhaltigen Anklagepunkte finden, keine der zahlreichen im Buch aufgeführten Statistiken ließ sich widerlegen, das Murren an der Parteibasis wurde lauter, man drohte mit Parteiaustritten.
Sarrazin war endgültig zum Märtyrer und Volkshelden aufge­stiegen. Umfragen beweisen, dass auch heute noch 70% der Menschen Sarrazin überwiegend recht geben.

Interessanterweise ist diese Relation bei unseren führenden "Volksvertretern" nach wie vor genau umgekehrt. Hat sich unsere politische Klasse so weit vom Volk entfernt?
Ich frage mich auch, ob einer der erbitterten Sarrazin-Gegner die 462 Seiten gründlich durch­gearbeitet oder überhaupt das Buch jemals in der Hand gehalten hat. Die mit zahlreichen Statistiken durchsetzte Lektüre ist nicht einfach, teilweise ist sie sogar ermüdend, denn es handelt sich hier um ein Buch, das nicht gelesen werden kann wie ein Roman, sondern durchgearbeitet werden muss wie ein Fachbuch, Schwätzer haben dazu weder die Zeit noch die Geduld.

Sarazins Kritiker schwingen mangels Gegenargumenten in der Regel die Rassismus-Keule. Ein Rassist ist aber nicht wer feststellt, dass Japaner anders aussehen als Afrikaner und dass die Unterschiede auf Vererbung beruhen. Rassist wäre auch nicht einmal wer feststellen würde, dass beispielsweise, die Chinesen im Durchschnitt intelligenter wären als die Deutschen. Denn diese Feststellung beinhaltet keinerlei Feststellung über die Intelligenz eines einzelnen Deutschen oder Chinesen.
Rassismus beginnt dort, wo nicht mehr auf das Individuum und sein Tun und Können geschaut wird, sondern wo eine ganze Gruppe pauschal und ausschließlich wegen ihrer ethnischen Herkunft bevorzugt oder benachteiligt wird!

Also unterm Strich ein gutes und außergewöhnlich fundiertes Buch, auch ich habe keine einzige Stelle gefunden, wo es gegen ethische Grundprinzipien und die Gebote der christlichen Nächsten­liebe und Barmherzigkeit verstößt. Wie jede andere seriöse wissenschaft­liche Arbeit hat es natürlich auch seine Schwachstellen mit missverständlichen Passagen für den, der es nicht gründlich genug lesen will. Als Grund für die Empörung der "Kritiker" kann ich letztendlich nur einen einzigen nach­vollziehen: Sarrazin nennt heikle Dinge beim Namen, bedient sich dazu wasserdichter Statistiken und einer klaren Sprache.

Das ist ungewöhn­lich in einem Land, in dem das Totschweigen unangenehmer Wahrheiten quasi zur ersten Bürgerpflicht geworden zu sein scheint. Wer möchte schon als Ewig-Gestriger, als Ausländerfeind und NPD-Sympathisant gelten?

Auf der kahlen, in grelles Licht getauchten Bühne stehen zwei klobige braune Sessel, im linken nimmt Thilo Sarrazin Platz, im rechten versinkt der Moderator, ein gewisser Manfred Osten, ebenfalls aus Berlin kommend und seines Amtes ehemaliger Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Nach kurzer Einführung des Herrn Osten erhebt sich Sarrazin und tritt an ein grünes Rednerpult. Im monotonen Tonfall und mit unbewegtem Gesicht (erleidet nach einer OP unter einer halbseitigen Gesichtslähmung) begrüßt er das so zahlreich erschienen Publikum, nein, er werde nicht aus seinem Buch vorlesen, aber er will aber kurz die wesentlichen Inhalte erklären, bevor er sich anschließend der Diskussion stellen wird.
In freier Rede, mitunter etwas stotternd, beschreibt der studierte Volkswirtschaftler und ehemalige Finanzsenator und Bundesbanker zunächst die Entstehungs­geschichte seines umstrittenen Werks.
Geplant war ein Buch über die zukünftige Finanzierbarkeit unseres Sozialstaates, über die Auswirkungen der rapide gesunkenen Geburtenrate und des steigenden Durchschnittsalters auf nachfolgende Generationen, über den möglichen Verlust der Führungsrolle Deutschlands als Wirtschaftsstandort. Vor allem aufgrund seiner beruflichen Tätigkeiten verfügte er über tiefe praktische Einblicke und hatte umfassenden Zugriff auf erstklassige Statistiken.

Bis heute habe ihm keiner seiner Kritiker fehlerhafte Zahlen nachweisen können, vermerkt er nicht ohne einen gewissen Stolz.
Ein begnadeter Redner ist er nicht, das aber wusste man schon aus seinen Fernsehauftritten, wo er sich allein auf weiter Flur des Wortschwalls geifernder Grünenpolitiker und öliger Moderatoren erwehren musste.
Aber er ist zweifelsfrei ein kluger Kopf und beeindruckt mit seinem unglaublichen Gedächtnis, seinem Wissen an Zahlen und Fakten.
Das beginnt mit seiner nüchternen Analyse über die Auswirkungen des Geburtenrückgangs in Deutschland. Werden wie jetzt nur noch 0,65 Mädchen pro Mutter geboren, schrumpft jede Generation um ca. 35%. Wenn sich das nicht ändert werden in ca. 3 bis 4 Generationen die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land. Die USA zum Beispiel haben eine deutlich höhere Geburtenquote, dort gibt es nicht dieses soziale Netz wie in Deutschland, die Rentenversicherung ist die Familie, deshalb sind Kinder dort so wichtig.

Obwohl unsere Unis mit Studenten der Geisteswissenschaften überfüllt sind fehle es an Ingenieuren, Mathematikern, Chemikern – seit Jahrzehnten ist hier ein Rückgang zu verzeichnen, immer mehr jungen Leuten mangelt es an mathematischer Kompetenz. Gibt es aber z.B. keine Maschinenbauer mehr, so verliert Deutschland seinen Status als führende Exportnation mit verheeren­den Folgen für den Sozialstaat. Dabei ginge es keinesfalls nur um Akademiker, so müsse z.B. ein Schreiner zumindest Quadratmeter berechnen können.
Auch sagt er, dass Intelligenz genauso vererbbar sei wie jede andere Eigenschaft, wer wollte dem widersprechen, wem nütze ein diesbezügliches Denkverbot? Das aber bedeutet noch lange nicht, dass ein Arbeiterkind dümmer sein muss als ein Arztkind. Wer das behauptet, versteht das Wesen einer Statistik nicht.
Für die unteren Einkommensgruppen sei es attraktiver Kinder zu bekommen als für die oberen, auch das ist richtig, denn jeder der mit offenen Augen durch dieses Land geht kann das sehen.

Nach etwa 20 Minuten schaut Sarrazin auf die Uhr und fragt die Leute, ob sie bemerkt hätten dass er das Wort "Einwanderung" noch nicht einmal in den Mund genommen habe. Auch in seinem Buch taucht es erst zu Beginn des letzten Drittels auf.
Auf dieses Thema sei er erst später beim Schreiben seines Buches gestoßen, als er diese gepriesene Wunderwaffe gegen den Geburtenrückgang auf Basis statistischer Daten untersuchen wollte.
Durch den Vergleich verschiedener (von der UN vorgegebener!) so genannter "Integrations­indikatoren" lässt sich nachweisen, dass sich Osteuropäer und Asiaten sehr schnell integrieren, bedeutende Defizite gebe es aber bei Einwanderern aus arabischen Ländern und Afrika, insbeson­dere also bei muslimischen Einwanderern. So hätten etwa 40% der Türken keinen Haupt­schulabschluss.
Für Belustigung sorgte seine Feststellung, dass laut einer Umfrage etwa 40% aller Türken in Berlin noch nie den Namen Sarrazin gehört hätten und das zu einer Zeit, als dieser fast ständig in den Medien präsent war. Das lege die Schlussfolgerung nahe, dass dieser Teil überhaupt nicht am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnimmt.
Eine andere Umfrage habe ergeben, dass ein großer Teil der Einwanderer gern in die alte Heimat zurückkehren würde, aber nur wegen der Sozialleistungen hier bliebe.

Wie auch in seinem Buch bleibt Sarrazin bei seinen Ausführungen betont sachlich, vermeidet Konfrontation und verlässt nie den Boden von statistisch eindeutig belegbaren Zahlen und Fakten.

Der Redner ist mit seinem Vortrag am Ende. Die Fragen, die in der nun anschließenden Diskussion gestellt werden, sind sachlich und niveauvoll, keine Pöbeleien wie bei einigen der vorhergehenden Lesungen, wo man ihn u.a. als "Nazischwein" beschimpfte. Jetzt hellen sich Sarrazins Gesichtszüge auf und man kann auch manch gut pointierten und scharfzüngigen Satz von ihm hören.

Ob er etwas weglassen würde, wenn er das Buch noch einmal schreiben könne, fragt jemand. Die Antwort ist ein klares "Nein".

Auf die Frage, wie er denn zur Politik der NPD stehe, reagiert er fast schon schroff: "Negativ. Wie denn sonst?".

Was er denn vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan halte, der sich bei seinen Deutschland­besuchen von seinen Landsleuten wie ein Messias feiern ließe und sogar gefordert hätte, dass die hier ab der zweiten Generation lebenden Türken zuerst Türkisch und dann erst Deutsch lernen sollten. Hier hat der Frager offensichtlich einen von Sarrazins neuralgischen Punkten getroffen. "Dieser Mensch (Erdogan) ist offensichtlich aus der Zeit gefallen", konstatiert er und vergleicht ihn mit Kaiser Wilhelm II. und dessen Ausspruch "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen".

Gefragt nach Lösungen für die in seinem Buch genannten tiefgreifenden Probleme fällt ihm nur ein "Wählen Sie jeden Politiker ab, der Probleme verneint und verharmlost", für viele scheint diese Antwort aber unbefriedigend zu sein. Ein anderer Fragesteller würde deshalb Sarrazin gern an der Spitze einer neuen Partei sehen, der aber weist derartige Ambitionen strikt zurück und fordert, dass der mündige Bürger seinen Einfluss an der Wahlurne gelten machen solle.
Großen Applaus erhält sein Satz "Solange opportunistische Schwätzer durch Wiederwahl belohnt werden, muss sich der Bürger nicht wundern."

Nach zwei Stunden ist alles vorbei. Es gibt tosenden Beifall für einen klugen und furchtlosen Mann, der wohl auch deshalb so viele Sympathien genießt, weil er der exakte Gegenpol zum stromlinien­förmigen, redegewandten und ansonsten inhaltsleeren Berufs­politiker ist.

Im Gang rechts neben der Bühne ist ein Verkaufsstand aufgebaut. Dahinter steht mit breitem Grinsen ein mir hinreichend bekannter Altenburger Buchhändler, der große rote Stapel auf seinem Tisch hat deutlich an Höhe verloren. Daneben warten in einer langen Schlange die Menschen, um sich ihr Exemplar vom Autor signieren zu lassen. Endlich bin auch ich an der Reihe, Utchen gelingt ein Foto.

Es dauert lange, bis sich der Saal geleert hat und die Schlange an der Garderobe überschaubar geworden ist. In der Zwischenzeit gönnen wir uns ein Bier und beobachten die Szenerie rund um Sarrazin, der beschattet von Bodyguards in stoischer Gelassenheit nach wie vor eifrig signiert.

Draußen vor dem Gasthof tiefes Durchatmen. Der Wind hat aufgefrischt, der lang ersehnte Regen liegt in der Luft.

Zeitung2.jpg

Redakteur

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30. Januar 2015, 09:03

Der Radfahrer

(Mein Beitrag zu einem "Lyrikwettbewerb" als Schüler der EOS Rochlitz 1963)

Zu später Stunde,
nicht hörend auf des Freundes mahnend Wort,
bestieg er das Rad zur letzten Runde,
verließ den sich'ren Ort.

Herüber zog ein Ungewitter,
Donner grollte,
doch er verzagte nicht, der wack're Ritter,
sein Heim er heut noch sehen wollte.

Und mitten in des Rades schnellen Lauf,
da war ein Knall, da zischte Rauch,
krachend schlug die Felge auf,
zerschnitten war der Schlauch.

Verlassen war der tapf're Held,
Blitze zuckten, Regen peitschten,
entschlossen jagt er übers nasse Feld,
Hasen flohen, Krähen kreischten.

Jetzt war erreicht der Waldessaum,
das Stahlroß lag im Grase,
hier unter einem Eichenbaum
er überstand die schwerste Phase.

Des Ungewitters Zorn verklang
und sanfter fiel der Regen,
der wack're Held sein Hemd auswrang,
ging dem Ziel entgegen.

In dunkler Nacht erreicht er matt
den Ort, den er verlassen,
schleppt sich zu seiner Lagerstatt
und Ruhe war in den Gassen.



27. Januar 2015, 12:08

Meine Rezension zu "Unterwerfung" (bei Amazon erschienen)

Habe diesen umstrittenen Roman des genialen französischen Autors Michel Houellebecq in zwei Tagen regelrecht verschlungen.
Das beschriebene Horrorszenario einer (auf demokratischem Weg!) erfolgten Machtübernahme des Islam in Frankreich ist durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen und auch für ein Deutschland der Zukunft nicht ganz unwahrscheinlich (Masseneinwanderung aus muslimischen Ländern, hohe Geburtenraten, keine Integration stattdessen rasant wachsende Parallelgesellschaft, Verharmlosung dieser Entwicklung durch Politik, Kirchen und Leitmedien). Anstatt die vielen vortrefflichen Rezensionen zum Inhalt zu wiederholen, will ich aber auf einen m.E. nach sehr wichtigen (und leider im Buch kaum beachteten) Aspekt hinweisen (was aber der Qualität des Buchs keinen Abbruch tut):
Ein islamisch geführter Staat in Europa würde über kurz oder lang ökonomisch zusammenbrechen. Das enge Korsett einer im Mittelalter stehen gebliebenen Religion (eigentlich Ideologie) erstickt zwangsläufig den Geist von Freiheit und Fortschritt (siehe Ata Türk, der Vater der modernen Türkei: "Der Islam ist ein verwesender Kadaver").
Seit dem 16. Jahrhundert hat der Islam keine nennenswerten Beiträge zur Weiterentwicklung der Menschheit mehr hervorgebracht, diese kamen fast ausschließlich vom christlich geprägten Abendland.
Reiche islamische Länder, wie Saudi Arabien, Dubai, Oman etc. verdanken ihren momentanen Reichtum einzig und allein dem Öl und nicht dem Entdeckermut und den intellektuellen Leistungen ihrer Bevölkerung.
Mediale Aufmerksamkeit verknüpft mit Angst erregen heute lediglich die abscheulichen Verbrechen, die weltweit im Namen des Islam begangen werden.
Auch dieses Buch macht Angst, diesmal allerdings vor einem "friedlichen" Islam. Wäre es von einem deutschen Autor geschrieben worden, wäre das Medienecho paradoxerweise völlig anders ausgefallen, das Buch wäre mit den bekannten Worthülsen als "islamfeindliche Hetze", "Schüren von Ängsten", "Menschen werden in ihren Gefühlen verletzt" etc. in der Luft zerrissen worden (siehe Umgang von Politik und Medien mit Thilo Sarrazin).
Möge sich aber jeder Leser selbst sein Urteil bilden!


26. Januar 2015, 14:44

Im unheimlichen Kellergewölbe

Ich bin nun bereit für einen Abstecher in die finste­ren Regionen des weiträumigen Keller­gewölbes, das sich,​auf gleicher Ebene wie das Erdgeschoss des Hauses liegend, in zwei parallelen Gängen nach hinten tief in den Berg hineinbohrt.

Ich stemme mich gegen die eiserne Tür, bis diese schließlich quietschend nachgibt. Feuchte Kühle und totale Finsternis schlagen mir entgegen. Das elektrische Licht funktioniert natürlich nicht mehr, eine Taschenlampe habe ich nicht mit, und so bewege ich mich tastend auf den großen steinernen Fußboden­platten vorwärts, blind vertrauend auf mein Gedächtnis, in welchem jeder Winkel des Hauses unauslöschlich abgespeichert ist.

Ich passiere den langen Vorratstunnel, wo früher in Reih und Glied die Bier- und Limonadenkästen standen, dann den Kessel der Hauswasser­anlage und ahne am Echo meiner Schritte, dass Kartoffel- und Kohlenkeller wohl leergeräumt sein müssen.

Ich zähle mich, weiß Gott, nicht zu den Angsthasen, aber woher kommt plötzlich dieses beklemmende Gefühl? Woher auf einmal dieser kalte Luftzug und ist da nicht der leise bellende Raucherhusten des längst verstorbenen Mieters Bernhard Meschter aus dem hinteren Kellergang zu vernehmen? Ich halte den Atem an und lausche angestrengt in die Dunkelheit - nichts, nur das unnatürlich laute Klicken eines herabfallenden Wasser­tropfens bricht sich an den feuchten Wänden.
Raus hier!

Redakteur

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26. Januar 2015, 14:43

Das lichte Obergeschoss

Viel schneller als ich ihn betreten habe, verlasse ich den mir unheimlich gewordenen Keller wieder und steige tief durchatmend die knarrende Holztreppe hinauf zum lichtdurchfluteten ersten Stock. Hier liegen die Räume, in denen wir in den ersten Jahren (1943 - 1947?) und zuletzt wohnten, d.h. zwischen 1962 und 1968.
Ich betrete das vordere Zimmer, das uns später als so genannte "Gute Stube" diente und in dem ich am 5.August 1944 bei Vollmondschein geboren wurde. Wegen Fliegeralarms - die 20km entfernte Raffinerie in Rositz wurde wieder einmal bombardiert – konnte keine Hebamme kommen, so dass mich meine Mutter, so hat sie es erzählt, hier ganz allein entbunden und abgenabelt hat.
Durch die schmale Küche trete ich in die relativ große und deshalb sehr niedrig erscheinende Wohnstube ein. Fast muss ich den Kopf einziehen, denn die Decke ist teilweise eingebrochen, der Rest wird von einem krummen Balken nur noch mühsam gehalten. Durch einen schmalen Spalt schimmert das Licht vom Dachboden hindurch. Dieses Zimmer ist mir fremd geworden, denn der letzte Mieter hatte zur Straße hin hässliche größere Fenster einbauen lassen und die zur Scheune und zum Hof zeigenden Öffnungen wurden kurzerhand zugemauert.

Redakteur

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26. Januar 2015, 14:39

Mein kleines Reich



Durch eine schief in den Angeln hängende Tür betrete ich schließlich "mein" Zimmer. Damals, während der Oberschulzeit, war dieser dämmrige Ort mein kleines Reich, hier war ich unumschränk-ter Herrscher, hier schmökerte ich mich nachts durch alle möglichen Bücher und verbrachte unzählige Stunden mit meinen elektronischen Basteleien. Ich sehe mich sitzen, an einem meiner selbstgebauten Radios mit dem Lötkolben hantierend.
Unglaublich, dass das einzige Fenster heute so klein ist, damals erschien es mir wesentlich größer. Ich versuche vergeblich, es zu öffnen. Wozu eigentlich? Ich erkenne das Loch, welches ich damals für die Zuleitung meiner Kurzwellen­antenne durch den hölzernen Rahmen gebohrt hatte. Bis spät in die Nacht lauschte ich mit einem umgebauten Volksempfänger (bestückt mit zwei Wehrmachts­röhren RV12P2000) auf die geheimnis­vollen Morsesignale von Funkamateuren aus der fernen weiten Welt. Die Kopfhörer (ich habe sie heute noch und halte sie heilig) stammten aus dem Nachlass des "alten" Pfarrers Paul Kühne, dem Rundfunkpionier von Rathendorf. Seine Witwe hatte mir damals auch all seine Hinter­lassenschaften an alten Detektor­empfängern, Spulen und Röhren aus den zwanziger Jahren vermacht, war ich doch als der einzige Rathendorfer bekannt, der an diesen Dingen überhaupt Interesse hatte. Heute wäre jedes dieser Einzelstücke eine Sammler-Rarität, damals warf ich vieles achtlos weg – ein unverzeih­licher Fehler!
Ich verschickte Hunderte von Empfangs­berichten, sogenannte "QSL-Karten", nach Deutschland, Europa, USA, Australien oder auch zum Südpol und freute mich, wenn Monate später eine Antwort aus geheimnisvoller Ferne eintraf. Als QSL-Karten dienten mir alte Ansichtskarten unseres Hauses, die ich mit dem Stempelaufdruck "DM 1890/N, op: Walter Doberenz" versah. Damals war noch ein riesiger Kartenstapel aus den Restbeständen des Geschäfts der Großeltern vorhanden, heute hüte ich die letzten drei mir verbliebenen Exemplare wie meinen Augapfel. Vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet, war das Verschicken von Hunderten dieser wertvollen handcolorierten Postkarten sicherlich eine maßlose Verschwendung. Doch ist dem alten Haus dadurch eine verdiente Ehre widerfahren - der "Gruß aus Rathendorf" wurde über den ganzen Erdball verstreut.

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26. Januar 2015, 14:32

Die kybernetische Schildkröte


In meinem dunklen Zimmer brauchte ich für meine Basteleien fast immer elektrisches Licht. Doch früh am Morgen schien im Frühling und Sommer für ein bis zwei Stunden die Sonne durch die kleine Fenster­öffnung, Vogel­gezwitscher und der Duft der riesigen alten Linde begleiteten mein Hantieren mit Blech, Draht und Lötkolben.
Im Jahr 1966 - ich studierte bereits das vierte Semester Radiotechnik in Lwow in der ehemaligen Sowjetunion (heute Ukraine) - verbrachte ich in Rathendorf meine letzten Sommerferien, denn wenige Monate später sind meine Eltern für immer von hier nach Thalheim in das Erzgebirge umgezogen. Da ich mittlerweile in Rathendorf und Umgebung kaum noch gleichaltrige Freunde und Bekannte hatte, wurde es für mich ziemlich langweilig, und das konnte nicht acht Wochen so weitergehen. Ich startete also mein letztes großes Experiment in meinem kleinen dunklen Schlaf- und Bastelzimmer.
Nachdem ich in einer aufwändigen Tagestour (mit dem Fahrrad zum Bahnhof Narsdorf, dann per Bahn über Chemnitz) nach Dresden gefahren war, um mir im einzigen Elektronik-Spezialgeschäft der DDR diverse Transistoren und andere teure Spezialteile zu kaufen, bastelte ich in tage- und nächtelanger Arbeit die Steuerungstechnik für eine so genannte "Kybernetische Schildkröte". Montiert wurde dies alles auf das Fahrgestell eines kleinen motorgetriebenen Panzers, den ich in einem Spielwarengeschäft gekauft hatte. Meine kyber­netische Schildkröte konnte automatisch Hinder­nissen ausweichen um auf eine Lichtquelle zuzusteuern. Durch Händeklatschen wurde sie so "erschreckt", dass sie für ein Weilchen stehen blieb. Der Clou aber war, dass man ihr auch etwas "lernen" konnte.
Dieses in Rathendorf entwickelte "Tier" habe ich dann zunächst mit in die SU genommen, um es dort meinen Mitstudenten vorzuführen. Ein russischer Professor aber war davon so begeistert, dass er mir spontan Praktikum und Prüfung im Fach "Elektronische Schaltungstechnik" erließ. Drei Jahre später war mein Studium beendet und ich kehrte als stolzer Inhaber eines "Roten Diploms" in die DDR zurück.
Meine Kybernetische Schildkröte hat mich auch während meiner anschließenden Assistentenzeit an der Technischen Hochschule Chemnitz treu begleitet. Als die Bionik als neuer Zweig der Informationstechnik groß in Mode kam, habe ich sie nicht nur auf einigen wissenschaftlichen Kolloquien vorgeführt, sondern auch auf mehreren Veranstaltungen der Urania vor staunenden Rentnern. Auch zahlreiche Anregungen für meine Doktorarbeit zu zellularen Strukturen in der Informationstechnik verdanke ich meiner kybernetischen Schildkröte. Leider ist sie, nachdem sich mein Interessenschwerpunkt auf das Programmieren von Computern verlagert hatte, bei einem meiner Wohnungswechsel verloren gegangen. Ich trauere ihr jetzt noch nach.


26. Januar 2015, 14:16

Auf dem Dachboden


Von der "Roll-kammer" (früher stand hier eine große, mit Handkurbel betriebene, Wäsche-mangel) führt eine wackelige Holztreppe zum weitläufigen, zweige-­schossigen Dachboden. Die Stufen sind teilweise abgebrochen, ich muss mich in acht nehmen, um nicht abzurutschen. Die jetzt vor mir liegende große leere Fläche ist licht­überflutet, Staub und Spinnenweben vor den vier größeren Fenstern können der ein­dringenden Sonne nur schwachen Widerstand entgegensetzen. Im Winter und bei schlechtem Wetter sind wir als Kinder hier oben sogar Fahrrad gefahren. Jetzt dringt Feuchtigkeit durch das an mehreren Stellen defekte Dach, die Spuren ausgetrockneter Wasserlachen überdecken die staubigen Holzdielen. Ich verzichte darauf, noch eine Etage höher auf den ebenfalls sehr geräumigen Spitzboden hinauf­zusteigen, stattdessen wende ich mich dem Gewirr von Kammern zu, das sich über den Zwischenbau bis hin zum Kleinen Haus erstreckt.
Durch eine stabile Holztür mit herausgerissenem Schloss gelange ich in einen langgestreckten dunklen Verschlag, der nur von dem gegen­überliegenden kleinen Dachfenster spärlich erleuchtet wird. Im Halbdunkel stolpere ich über herumstehende Kisten und Kartons, Akten und Büchern liegen auf dem Fußboden verstreut. Dieser Teil des Dachbodens war seit dem Umzug unserer Familie nach Thalheim aufgrund einer Regelung mit dem damaligen neuen Hauseigentümer (Bürger­meister Max Unger) in unserer Obhut geblieben. Offensichtlich sind aber die umtriebigen Nachmieter, die in den Jahren nach der Wende in der unteren Wohnung hausten, auch hier eingebrochen und haben alles aus ihrer Sicht verwertbare beiseite geschafft.
Ich schleppe einen brüchigen und von Nässe durchfeuchteten Karton nach vorn zum erblindeten Dach­fenster, um den Inhalt bei Licht zu inspizieren. In der Mitte finden sich trocken ­gebliebene Geschäfts­bücher der Groß­eltern, in Omas gestochen klarer deutscher Tintenschrift sind Ein- und Ausgaben für den kleinen Laden aus dem Jahr 1908 vermerkt. Ich stoße auf Vaters Schulhefte von 1922 und halte eine von Feuchtigkeit angegriffene Kopie seiner in Weimar abgefassten Ingenieurarbeit in den Händen.
In einem verstaubten Aktenordner finde ich den akribisch genau zusammen­gestellten Behörden-Schriftwechsel zu Vaters Autobestellung, der sich seit 1960 über mehrere Jahre hinzieht. 1963 stand dann endlich der neue Trabant in der Scheune - Vaters ganzer Stolz. Diese Akte erscheint mir wert, als Beweismittel für spätere Generationen erhalten zu bleiben. Ich lege mir auch einige noch relativ guterhaltene Mathematik- und Geographie-Lehr­bücher aus den zwanziger Jahren beiseite. Schade, dass die Transportkapazität meines Fahrrad­s damit erschöpft ist. Ach, wäre ich doch lieber mit dem Auto hergekommen, so könnte ich noch viel mehr mitnehmen. Wer weiß, ob sich noch einmal eine so günstige Gelegenheit bietet, die neuen Besitzer werden das Haus wahrscheinlich bald abreißen lassen.

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26. Januar 2015, 13:17

Der "Kompass fürs Leben"

Schon will ich den Dachboden wieder verlassen, da fällt mein Blick auf ein vom Regen durchfeuchtetes, schmuddeliges Buch im bunten zerrissenen Schutzumschlag. Ich wische die dicke Staubschicht weg und lese "Kompass fürs Leben" von einem gewissen Professor Nikolai Janzen (eine Übersetzung aus dem Russischen). Ach ja, dieses Buch hatte mir 1962 auf der EOS Rochlitz mein Schuldirektor Krügel persönlich geschenkt. Das war im Anschluss an eine „hochnotpeinliche Befragung“ im Lehrerzimmer, ich war wegen unbedachter Äußerungen über die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) von Mitschülern (ich habe ihnen inzwischen verziehen, sie wussten es damals einfach nicht besser) beim Rex angeschwärzt worden.
Ich hatte wohl gesagt, dass man die VVN eigentlich abschaffen könne, weil der Zweite Weltkrieg ja nun schon lange genug vorbei sei. Wegen dieser Naivität wäre ich fast von der Schule geflogen, man wusste sehr wohl, dass ich der Sohn eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds war und darüber hinaus nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte und außerdem christlich erzogen wurde und die "Junge Gemeinde" besuchte. Das war zu jener Zeit an der "Roten EOS" die denkbar schlechteste Ausgangsposition.
Der Rektor aber glaubte offensichtlich, dass er mich noch umerziehen könne.
Ich blättere in dem Buch und lese im Schlusskapitel: "Die Forderungen an die sozialistische Moral müssen hoch sein weil sie den ehrlichen werktätigen Menschen zu großen Leistungen, zu Heldentaten des sozialistischen Aufbaus anspornen und mobilisieren sollen. Geistige und moralische Zwerge, wie sie der Kapitalismus hervorbringt, sind dazu nicht fähig..".
Daneben steht meine mit Bleistift geschriebene Anmer­kung: "Der Sozialismus selbst ist es, der immer mehr Zwerge hervorbringt."
Offensichtlich hatte ich schon damals die Geduld mit den marxistischen Theorien verloren, die man uns im Geschichts- und Staatsbürgerkunde-Unterricht eintrichtern wollte und die sich immer offensichtlicher niemals in Taten umsetzen ließen.
Aber erst im späteren Leben und vor allem während meines SU-Studiums wurde mir so richtig klar, dass eine dogmatische Lehre wie der Marxismus/Leninismus eine gefährliche Halb­wahrheit ist, die der Dummheit Legimitation und Macht verleiht.
Die letzte beiden Jahre am Rochlitzer Gymnasium hatte ich endgültig gelernt, wie ich mich verhalten musste, um im Leben vorwärts zu kommen, also mit einem gespaltenen Ich zu leben und nie mehr öffentlich meine ehrliche Meinung zu sagen.
Bei der feierlichen Ausgabe der Abiturzeugnisse hat mir Rektor Krügel persönlich das „Goldene Schulabzeichen“ angeheftet. Wie ich erst später aus vertraulicher Quelle erfuhr, war er zur NS-Zeit selbst ein überaus eifriger Hitlerjunge gewesen.


26. Januar 2015, 13:06

Die letzte Bewohnerin


Irgendein fernes Geräusch schreckt mich aus meinen nostalgischen Träumereien. Deutlich ist das Schlagen einer Tür aus dem Erdgeschoss zu hören. Ich halte die Luft an. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich mich illegal in einem Haus aufhalte, das nicht mehr mir, sondern unbekannten fremden Leuten gehört. Die schlurfenden Schritte sind immer deutlicher zu vernehmen, sie kommen langsam näher, als wüssten sie genau, wo sie mich in diesem Labyrinth von Gängen und Kammern aufzuspüren haben. Sofort denke ich an die grauenvollen Nächte, die uns unsere kindlich überreizte Phantasie genau in dem Zimmer bescherte, in dem ich mich gerade aufhalte. Allerdings ist jetzt nicht Mitternacht, sondern heller Tag und nicht der Vollmond, sondern die Mittags­sonne scheint durch die verstaubten Scheiben mit den schmutzigen Gardinenfetzen. Müde erklimmen die Schritte die knarrende Bodentreppe und sind, begleitet von leisem Ächzen und Schnaufen, geraume Zeit später in der benachbarten Bodenkammer zu hören. Die langen Dielen­bretter biegen sich unter der Last eines massigen Körpers. Gespannt und gefasst warte ich auf die Erscheinung, die sich diesmal sicher nicht bei Rechen und Mütze in Luft auflösen wird.
Dann endlich lüftet sich das Geheimnis: In den Rahmen der offenen Tür tritt die große gebückte Gestalt der alten Wanda Feuerstein, die letzte Bewohnerin des Hauses, jetzt gewissermaßen zu dessen Faktotum avanciert. Ihr Haar ist schlohweiß geworden, aber ihr faltiges Gesicht strahlt noch immer die gleiche Freundlichkeit und Güte wie früher aus. Sie erkennt mich sofort als den mittleren der drei Doberenz-Brüder, weiß sogar noch meinen Namen. Wanda wohnt nun seit mehr als 30 Jahren allein im Kleinen Haus (nachdem wir 1961 ins Große Haus umgezogen waren). Mein Vater redete später immer wieder davon, dass er als Rentner nach Rathendorf zurück­kehren und wieder ins Kleine Haus ziehen möchte ("Wenn Wanda einmal ausgezogen ist..."). Aber die zähe Wanda zog nie mehr aus, sie schlug hier ihre Wurzeln und Vater ruht nun schon seit mehr als drei Jahren in der Rathen­dorfer Erde.
Ich habe Angst um die Stabilität des Fußbodens, Gott sei Dank bleibt die gewichtige Wanda gebückt in der Türöffnung stehen. Wir sprechen über die Vergangenheit, über die Zeit, als Wanda noch erfolgreich und allseits hochverehrt als Schulköchin wirkte. Sie erinnert sich an einige unserer Streiche und an Anekdoten, die sie zusammen mit meiner Mutter erlebte. Sie erzählt mir aber auch von ihren aktuellen Nöten, von den nächtlichen Sauforgien des asozialen Gesindels, das der Bürgermeister hier im Haus nach Martha Meschters Tod einquartiert hatte.
Wir gehen nochmal gemeinsam durch die verwahrlosten Räume des Großen Hauses. Sie zeigt mir entrüstet die Stelle, wo die asozialen Mieter hemmungslos ihr Geschäft direkt durchs offene Fenster erledigten, da ihnen der Weg zum Trockenklo über den Hof offenbar zu beschwerlich wurde. Ohne überhaupt um Erlaubnis zu fragen, hatten diese Vandalen sogar die Front ihres Hauses mit einem Satelliten­spiegel verschandelt. Abgeplatzter Putz, große Löcher und ein hässlicher Riss in der Fassade waren die Folge. Sie klagt, dass sie vom neuen Hausbesitzer an der Nase herum­geführt wird, dass dieser das Haus mit Grundstück kurz nach der Wende für einen Pappenstiel erworben hatte, es jetzt aber für den zehnfachen Preis wieder verkaufen will, ohne nur eine einzige müde Mark für Sanierung ausgegeben zu haben. Bald würde sowieso alles abgerissen werden und dann wüsste sie nicht mehr wohin.
Aber noch schlimmer als ihre ehemaligen Mitbewohner seien die Halunken dort drüben, sagt sie und weist auf das unmittelbar benachbarte ehemalige Gotthardt'sche Haus, dem ein ähnliches Schicksal wie unserem widerfuhr, dessen baulicher Zustand aber noch weitaus bedenklicher zu sein scheint. Wanda besteht darauf, dass ich mir das Gotthardt'sche Haus genauer ansehe. Sicherlich möchte sie mich davon überzeugen, dass sie vergleichsweise fast wie in einer Villa wohnt. Ich tue ihr den Gefallen und laufe ein paar Schritte auf der wackligen Gartenmauer, um durch eine Lücke im Blätterwald des alten Königsapfelbaums auf das Nachbar­grundstück zu spähen. Es ist tatsächlich eine traurige Halbruine, tote Fensterhöhlen und fast die Hälfte des hinteren Dachstuhls fehlt. Das aufgeregte Kläffen eines Hundes und die kurz darauf in gleicher Tonlage einsetzende keifende Stimme einer Frau bringen den Beweis, dass auch in diesem bizarren Ambiente noch Menschen hausen.
Ich darf einen Blick in Wandas Wohnung werfen, in diesen engen Räumen des Kleinen Hauses hatten wir die erste Hälfte unserer Kindheit verbracht, bis wir dann nach dem Tod der Großeltern in die freigewordene obere Etage des Großen Hauses umzogen. Die untere Etage bekamen Meschters, eine Umsiedlerfamilie aus Schlesien.
Wandas gemütliches Heim erscheint mir jetzt wie eine wundersame Oase der frühesten Kindheits­erinnerungen inmitten des um sich greifenden Verfalls. Ich registriere: Dort in der vorderen Stubenecke stand jedes Jahr unser Weihnachts­baum und hier, rechts neben der Tür, unser Klavier. Unauslöschlich in meiner Erinnerung sind die Klänge von Mozarts Kleiner Nachtmusik, mein Bruder Reinhard begleitete seinen Freund Armin Köhler, der die Geige spielte. Sie übten, unverdrossen trotz mancher schmerzhaften Misstöne, wochenlang fast jeden Abend.
Hausmusik wurde bei uns großgeschrieben, Mutter spielte die Laute und ab und zu setzte sich sogar Vater ans Klavier und sang dazu mit inbrünstiger Stimme "Schön ist die Jugendzeit ...". Mein jüngerer Bruder Martin und ich hatten es zu einem einigermaßen passablen Blockflötenspiel gebracht, mit dem wir sogar ab und zu bei kirchlichen Anlässen öffentlich auftreten durften.
An den langen Winterabenden war für ein oder zwei Wochen sogenanntes Federnschleißen angesagt. Dazu wurde der Wohnzimmertisch ausgezogen und ein großer Haufen Gänsefedern drauf geschüttet, die man in mühseliger Handarbeit von den Kielen zu befreien hatte. Es dauerte sehr lange, bis das gewonnene Material für ein neues Federbett ausreichte. Meist war Verstärkung aus der Nachbarschaft angerückt, man erzählte, trank schwarzen Malzkaffee und aß dazu Brezeln.
In der ehemaligen Küche (Wandas jetzige Schlafstube), direkt unterhalb der Treppe zum Dachboden, stand das kleine Pult, an dem wir unsere Schularbeiten erledigten. Ich sehe mich hier als Achtjährigen über dem Kleinen Katechismus gebeugt und in Tränen aufgelöst angesichts der erschütternden Lektüre über Christi Kreuzigung.
Kaum zu glauben - aber für uns Kinder war diese jetzt winzig erscheinende Wohnung mit dem davor liegenden Gemüse­­­garten ein unendlich großes Reich voller spannendster Eindrücke und Abenteuer. Das erste bewusste Wahrnehmen der vier Jahreszeiten, das vielfältige Vogelgezwitscher, der wundersame Duft von Veilchen und Wicken, der Geschmack von Erd- und Johannisbeeren - all meine frühesten Kindheitserinnerungen sind zusammen mit Paul Gerhardts Lied "Geh aus mein Herz und suche Freud", welches Mutter mit ihrer schönen Sopranstimme ungehemmt bei der Gartenarbeit sang, unauslöschlich mit diesen Plätzen verbunden.
Die Tür, die von unserer ehemaligen , d.h. Wandas jetzigen, Wohnung zum Dach­boden führt, ist seit Jahren fest ver­riegelt. Bestimmt weiß Wanda von Rechen und Mütze. Heute zahlte sie einen kleinen Preis für diese Vorsichts­­­­­maßnahme: Sie musste den weiten Umweg durch das Große Haus nehmen, nachdem sie meine Schritte direkt über ihrem Kopf vernommen hatte.

Redakteur

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