Walter Doberenz

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2021-10-08

Bundestagswahl 2021 in Thüringen - wo sind die Nazis?

Entgegen aller Unkenrufe ist der AfD der Wiedereinzug in den Bundestag mit einem zweistelligen Ergebnis gelungen. Nun weiß jeder: die AfD ist gekommen, um zu bleiben.
Leider erfüllen unsere zwangsfinanzierten Staatsmedien seit langem nicht mehr ihren Hauptauftrag zur objektiven Informationsvermittlung, stattdessen wird Meinungsmache betrieben.
Um zu zeigen wie kritischer Journalismus geht, hat mir mein Schweizer Freund Urs wieder einmal einen Artikel aus der “Weltwoche” zugesandt.
Den folgenden Lesestoff werde ich insbesondere einigen meiner westdeutschen Verwandten empfehlen, die nach wie vor davon fest überzeugt sind, dass hier im Osten auch noch ein ganz spezieller böser “Virus” grassiert.

Wo die AfD eine Volkspartei ist

Jeder vierte Thüringer hat bei der Bundestagswahl die Alternative für Deutschland
gewählt. Sind die Einwohner wirklich «immer rechtsradikaler», wie die Medien
behaupten?

Rudolstadt

Erfurt, Hauptbahnhof», ertönt die Zugdurchsage. Noch vor dem Aussteigen rechnen wir
mit dem Schlimmsten. Nur zwei Fahrstunden südlich von Berlin entfernt, befinden wir
uns jetzt im «radikalisierten Teil Deutschlands» – «immer rechtsradikaler,
ausländerfeindlicher, rassistischer». So schreiben es zumindest deutsche Zeitungen.

Wer die Berichte liest, könnte meinen, in Thüringen lebten mehr Nazis als Normalbürger –
oder jedenfalls 24 Prozent der Bevölkerung: So viele wählten die Alternative für
Deutschland (AfD), neuerdings die stärkste Kraft in Thüringen, eine Volkspartei.
Nur interessiert diese Tatsache niemanden: Die Medien schweigen den Grosserfolg tot. 

Die Partei, deren Namen man sich kaum zu nennen traut, wird mit Nazis und
Verschwörungstheoretikern in Verbindung gebracht – wenn überhaupt. Warum aber
wählen so viele Thüringer diese angeblich rechtsextreme Partei? Und: Was für Köpfe
führen die AfD, die Deutschland an den Rand der Verzweiflung treibt?
Um es vorwegzunehmen: Auf unserer Reise durch Thüringen finden wir keine Nazis –
zumindest keine erkennbaren. Die Erfurter Altstadt erstrahlt wolkenfrei, die Menschen
fahren Fahrrad, manche tragen Bio-Gemüse in Jutesäcken und ein Lächeln im Gesicht.

Über Weimar und Jena nach Gera

«Nazis? Da müssen Sie lange suchen», sagt ein Bauarbeiter und lacht. Eher treffe man auf
Arbeitslose, eines der Hauptprobleme hier. In Erfurt, 213 000 Einwohner, finden 6,2
Prozent keinen Job. Er habe Glück, sei nicht betroffen, sagt der Mann. Ihn treffe aber die
stetige Teuerung, Benzinpreiserhöhungen etwa. «An der Tanke traf mich wieder einmal
fast der Schlag.»
Geradeheraus erklärt er, die AfD gewählt zu haben – wie viele in seinem Umfeld. Die
Übrigen hielten der SPD die Stange – mit 25 Prozent Erfurts stärkste Partei. Er verfolge die
Politik aber kaum. «Was soll’s?»

Weniger gleichgültig reden zwei Frauen im Café wenige Schritte weiter. Ein Mann, der am
Arm ein Regenbogenband trägt, serviert Tee, während die Studentinnen über die Politik
wettern, vor allem gegen die CDU, die Partei ihrer Eltern. Beide wählten AfD. «Klar kann
ich das sagen», erklärt die eine. Die andere sagt: «Was in Berlin entschieden wird, geht
mich alles nichts an.» Wichtig sei ihr, nicht ständig für alles mehr bezahlen zu müssen.
In Thüringen wird entspannt über die AfD gesprochen, ganz anders als in Berlin. Das
bestätigt sich auf der weiteren Reise. Über Weimar und Jena gelangen wir mit dem Zug
nach Gera, wo die Arbeitslosigkeit 8 Prozent beträgt. Bei den Jugendlichen ist sie noch
höher. Fast jeder Dritte setzte hier das Kreuz bei der AfD.

Nicht so das Rentnerpaar, das auf einer Parkbank vor dem Bahnhof sitzt. Beide stehen treu
zur SPD, seit es die SED, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, nicht mehr gibt.
«Aus Tradition», wie der ehemalige Textilarbeiter erklärt. Auch er ist unzufrieden mit der
Politik. Wenn er im Stadtzentrum Tram fahre, komme es ihm vor wie in der «Syrischen
Bundesrepublik Deutschland», erzählt der SPD-Wähler. Der Ausländeranteil in Gera
beträgt 7 Prozent, im Zentrum ist er doppelt so hoch. Die AfD-Positionen bezeichnet der
Thüringer als «vernünftig», «nicht verwerflich».
Weiter nach Saalfeld, südwestlich von Gera, und von dort nach Rudolstadt. Wen auch
immer wir unterwegs fragen: Niemand findet die AfD gefährlich, bedrohlich. Die beiden
Unternehmer, denen wir in Rudolstadt begegnen, sprechen von einem «Korsett an Regeln»,
das sie einenge. Es gelte, sich davon zu befreien.

Kein Eiferer, kein Extremist

Es ist diese freiheitliche Eigenart, die Thüringern anhaftet – im positiven Sinn. Die
einstigen Fürsten- und Herzogtümer, die das heutige Bundesland bilden, gehörten nie zu
Preussen. Später zählte Thüringen zur DDR. Als 1989 die Revolution gegen das SED-Regime
startete, war das sächsische Leipzig das Zentrum des Widerstandes – und Thüringen stand
ihm nicht nach.

Thüringen, so erklärt es Michael Kaufmann, habe immer Wert auf seine Unabhängigkeit
gelegt. «Man kann heute von einem Widerstand 2.0 sprechen», fügt der AfD-Politiker an
und nippt an seinem Weisswein.
Wir sitzen in einem Restaurant in Rudolstadt, das zum Wahlkreis Kaufmanns gehört. Der
Vizepräsident des Thüringer Landtags wurde mit 29,3 Prozent zum
Bundestagsabgeordneten gewählt. Sein Vorsprung auf die Konkurrenz von SPD und CDU
betrug zehn Prozentpunkte.
Kaufmann ist ein «AfD-Urgestein», wie er sagt, seit 2013 dabei, weil ihn die Euro-Rettungspolitik der FDP ärgerte. 
Im März 2015 war er Mitunterzeichner der Erfurter Resolution. Die Urkunde galt später als Konstitution des sogenannten Flügels,
der vom Bundesverfassungsschutz als tendenziell «rechtsextrem» gebrandmarkt wird. 
Kaufmann, seelenruhig: «Den Flügel gibt es nicht mehr, da war aber auch nichts anstössig.»

Er ist Professor für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik an einer Hochschule,
zweifacher Vater und versprüht einen gewissen Reihenhaus-Charme. Das heisst, er wirkt
wie ein freundlicher Nachbar. Er ist der Typ Kumpel, der lieber lacht, als dass er jemanden
zum Lachen bringt – kein Eiferer, kein Extremist.
Auf die Probleme Deutschlands angesprochen, nennt Kaufmann die Stromversorgung. Die
Energiewende sei ein «Fehlweg». Ähnlich sanft spricht er über das «Hauptproblem unserer
Zeit», die «Ideologisierung». Man rede sich die Welt schön. Kanzlerin Angela Merkel – die
Lieblingsgegnerin der AfD – lobt er für ihr «politisches Geschick». Klingt so ein verrückter
Rechter?

Manche Gegner sehen es offenbar so. Sein Büro in Saalfeld wurde mehrfach beschädigt
und beschmiert. Beruflich seien ihm bisher – «zum Glück» – keine Nachteile widerfahren,
«das technische Umfeld ist nicht so politisiert». In seinem Freundeskreis habe sich
allerdings die Spreu vom Weizen getrennt. Es seien aber auch Bekanntschaften
hinzugekommen.
Dazu gehört Björn Höcke, der Fraktionschef der AfD Thüringen und verteufeltster Politiker
Deutschlands. Er kenne Höcke seit der AfD-Anfangszeit. Dieser sei ein umgänglicher,
ruhiger Mensch, kein Entertainer, aber durchaus witzig. «Er ist ganz anders, als man bei
den Reden den Eindruck hat.»
Kaufmann ist nicht mit allen Aktionen Höckes einverstanden. Er attestiert ihm eine
gewisse Nationalromantik, Höcke könne schwärmerisch über die Heimat reden. «Was ich
aber sagen kann – er ist sicher kein Nazi.» Im Gegenteil: Er schätze bei Höcke vor allem,
wie er als Fraktionsvorsitzender auftrete – «völlig demokratisch». In keiner Art und Weise
sei er ein Diktator.

Lädiert von einer schweren Erkältung, meldet sich Höcke am Telefon. Ihn freue, dass sich
die Menschen in Thüringen nicht von den schlechten Berichten verunsichern liessen. Auf
die Wahl schiele er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. «Die Ära Merkel
setzt sich mit anderem Namen fort, die kostspieligen Ideologieprojekte bleiben, die
Preiserhöhungen kommen – das wird schmerzhaft.» Immerhin: In Thüringen sieht er
einen «Leuchtturm der Freiheit». Den Erfolg begründet er unter anderem mit einer
Thüringer Grundhaltung: Die Menschen hier reagierten sensibel auf Machtmissbrauch
und seien heimatliebend.

Erinnerungen an die DDR

Die DDR-Erfahrungen seien bis heute präsent: Alles, was damals als positiv erachtet
worden sei – «innere und soziale Sicherheit, die belastbare Vertrauenskultur, intakte
Nahverhältnisse» –, komme gerade unter die Räder. Und alles, was nicht erwünscht
gewesen sei – «Überwachung, Zensur, Parteieneinfalt, das unterschiedliche Reden in der
Öffentlichkeit und privat» – sei dreissig Jahre nach dem Ende der DDR Realität.
Dass ihm vorgeworfen werde, einen «Führerstaat» aufbauen zu wollen, hält er für absurd.
«Der Landesverband steht idealtypisch für eine partizipative Führungskultur.» Davon
könnten sich die Altparteien eine Scheibe abschneiden. Zudem verweist er auf Franz Josef
Strauss von der CSU: «Was wir sagen, hätte er vor vierzig Jahren noch viel deutlicher
ausgedrückt.» Trotzdem kursierten Todeslisten mit den Namen führender AfD-Politiker.
Wie lange hält ein Mensch solche Anfeindungen aus – vor allem, wenn zusätzlich der
Gegenwind in der Partei zunimmt?

Höcke wollte sich zu Fragen zu seiner Person nicht äussern. Die Partei stehe im
Vordergrund. Die AfD sei an einem Scheideweg – sie dürfe nicht «anschlussfähiger» an die
etablierten Kräfte werden. «Unsere Inhalte sind gut. Der Anspruch muss bleiben, Politik
für das Volk, das Vaterland und die eigenen Kinder zu machen.»
Klingt so das personifizierte Böse? Nein.
Nach den Treffen und Gesprächen im Freistaat Thüringen beschleicht einen das Gefühl, in
der deutschen Politik und Medienlandschaft laufe etwas grundlegend schief. Die Debatte
über Nazis und Rechtsextreme ist überdreht und hysterisch. Wer glaubt, jeder vierte
Thüringer laufe einer Führerpartei hinterher, sollte dringend einmal den Freistaat besuchen.

Roman Zeller  6.10.21

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