Walter Doberenz

Liebe Freunde, hier herrscht noch teilweises Chaos und gähnende Leere, es wird noch etwas dauern, bis ich alle Inhalte der alten Homepage in das neue Format transformiert habe ...

Das alte Haus

Es ist sonniger Spätsommer im Jahr 1994 und früher Nachmittag. Seit einer guten Stunde bin ich mit meinem roten Fahrrad im Grenzgebiet zwischen Thüringen und Sachsen unterwegs. Langsam rolle ich nun, von der Jahnshainer Höhe kommend, auf einen weißen Kirchturm zu, der zunächst klein wirkt, wie eine ferne Erinnerung.

Das gelbe Ortseingangsschild "Rathendorf". Der Ort hat etwa 500 Einwohner und erstreckt sich über eine Länge von 3 km beidseitig des Dorfbaches in einem flachen Tal. 

Für geschichtlich Interessierte:
die Entstehung dieses typischen Waldhufendorfs liegt im 12. Jahrhundert. Durch großflächige Waldrodungen konnten die aus dem Westen Deutschlands in dieses ursprünglich slawische Gebiet zugewanderten fränkischen Siedler neue Dörfer anlegen und Feldanbauflächen gewinnen.

Am Dorfgasthof biege ich nach links in die parallel zum Bach verlaufende Dorfstraße ein.
Oben auf dem Hügel grüßt er mich jetzt greifbar nahe der altvertraute klobige Kirchturm.  

Noch 100m, dann lasse ich langsam ausrollen, denn auf der rechten Straßenseite erscheint es jetzt – das Objekt nostalgischer Erinnerungen und mancher nächtlichen Träume. Im schmutziggrauem Gewand bietet es allerdings einen erbärmlichen Anblick.
Da im ersten Stock ganz links ist das Fenster, hinter dem ich fast auf den Tag genau vor 50 Jahren geboren wurde. Die Hebamme konnte wegen Fliegeralarm nicht kommen, da die 20km entfernte Chemiefabrik in Rositz gerade bombardiert wurde. 

Rückblickend waren es - trotz DDR - glückliche und wohlbehütete Zeiten, die ich in diesen Mauern und im Schatten freundlicher Bäume zusammen mit meinen zwei Brüdern verbringen durfte.

Ich lehne das Rad an den morsch und lückenhaft gewordenen hölzernen Zaun und krame aus der Gepäcktasche eine altertümliche Postkarte hervor, sie zeigt ein handcoleriertes Foto etwa aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Unter der Überschrift "Gruß aus Rathendorf" ist das Haus aus der gleichen Perspektive abgebildet, aus der ich es jetzt betrachtet, aber welch ein Kontrast!
Fenster mit weißen Gardinen auf frisch geputzter Fassade, ein neues rotes Ziegeldach und metallisch glitzernde Dachrinnen. Ein Spalierobstbaum rankt sich bis zur Mitte des Giebels empor. Weiße Wolken und zartgrüne Birken rahmen die Idylle ein.
In Höhe des zweiten Stockwerks prangt in großen goldgelben Lettern ein Schild: "Materialwarenhandlung Max Doberenz". Die Holzläden des Schaufensters sind zurückgeschlagen.
Dort wo jetzt meterhohes Unkraut aus dem Vorgarten emporschießt, sieht man schemenhaft meine Großmutter als junge Frau, stolz in weißer Schürze zwischen gepflegten Beeten. Daneben zwei andere, ebenfalls festlich herausgeputzte Frauen, wahrscheinlich die Mieter des "Kleinen Hauses".
"Kleines Haus" deshalb, weil das Haus eigentlich aus zwei Häusern besteht, die beide mit ihren Giebeln zur Dorfstraße zeigen.

Das "Kleine Haus", auf der Postkarte links neben dem "Großen Haus" nur teilweise zu sehen, ist mit dem "Großen Haus" durch einen Zwischenbau verbunden. Beide ragen in den Abhang des Kirchberges hinein, so dass der hintere Teil des Erdgeschosses als natürlicher Keller dienen konnte.
Die erste Etage des "Kleinen Hauses"  ist durch eine Freitreppe aus rotem Rochlitzer Porphyr zu erreichen, die ein schmaler, aus Ziegeln gemauerter, Bogen überspannt (auf dem Foto durch Bäume verdeckt). Das Erdgeschoss diente als Waschküche, Schweinestall und Kartoffelkeller.

Haus und Grundstück hatten meine Großeltern als junges Ehepaar um die Jahrhundertwende erworben und ließen danach zahlreiche bauliche Veränderungen durchführen. Beide stammten aus alteingesessenen Rathendorfer Bauernfamilien. Großvater war der älteste von drei Söhnen, deren elterlicher Vierseitenhof im Oberdorf auf einem Hügel über das Tal blickt. Da immer nur der jüngste Sohn den väterlichen Hof erbte, blieb für die nachfolgenden Geschwister nur die Wahl zwischen Einheiraten, Auswandern oder Häuslerdasein. Natürlich mussten sie vom regulären Erben ausgezahlt werden, sodass – wie im Fall meiner Großeltern – oft eine gute materielle Basis für einen Neuanfang vorhanden war. Daraus konnte unter anderem auch das Ingenieurstudium meines Vaters bezahlt werden.

Heute ist Sonntag, es ist Mittagszeit, herrlichster Altweibersommer. Im Dorf herrscht eine fast schon gespenstische Stille – kein Mensch ist weit und breit zu sehen. So wie ich es auch früher immer tat, schiebe ich mein Fahrrad die schmale Gasse empor, durchquere den steilen Hinterhof und stelle es neben dem Eingang zur "Rollkammer" ab (ganz früher hat hier mal eine handgetriebene Wäschemangel gestanden). Doch die massive Bohlentür ist fest verschlossen.

Das Reich der Großeltern

Es zieht mich mit magischer Gewalt in das Hausinnere und ich begebe mich auf die Suche nach einer Einstiegsmöglichkeit. Schon will ich durch eines der zerschlagenen Fenster klettern, da entdecke ich, dass die Tür, die einst zur Küche der Großeltern führte, nur angelehnt ist.
Sie lässt sich mit leisem Knarren öffnen, so als wolle mich das Haus begrüßen. Wie ich die wenigen Stufen im verfallenen Vorbau hinabsteige, empfängt mich Dunkelheit und muffige Kühle. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Dämmerlicht und sehen eine Stätte der Verwüstung und des Verfalls. Bierbüchsen liegen zwischen zerschlagenem Mobiliar, die steinernen Fußboden­platten sind vollständig heraus­gerissen, von der Decke hängen lehmige Strohreste herab. Der große gusseiserne Herd ist verschwunden, nur ein direkt in den Schornstein eingemauerter Kessel (er diente als Heißwasser­behälter) steht fest wie zu alten Zeiten.

Als Kinder waren wir oft hier unten und holten uns von Oma einen Bonbon oder ein Blatt Malpapier ab. Rechts neben der Ausgangstür zum Vorhäuschen stand der Stuhl, auf dem manchmal der Häusler Max Stein saß. Auf dem Heimweg von der Feldarbeit machte er hier regelmäßig Station, um  Bier zu kaufen und davon gleich zwei Flaschen an Ort und Stelle zu leeren. Er wohnte nicht weit von uns im winzigen "Armenhaus" direkt am Dorfbach, von seinen zahllosen Kindern waren die meisten geistig behindert. Im Dorf war man sich sicher, dass dies eine Folge der väterlichen Trunksucht sei.

Ich erinnere mich an Frieda und Erich, die damals so zwischen dreißig und vierzig Jahre alt gewesen sein müssen.  
Die bedauernswerte Frieda schritt in grauer Kittel­schürze und stumpf nach vorn gerichtetem Blick und laut vor sich hinschwa­dronierend die Dorfstraße entlang, verfolgt von einer Horde johlender Kinder, die mit Steinen und Blechbüchsen nach ihr warfen.
Nicht ganz so harmlos war Bruder Erich. Ich erinnere mich, wie er uns Kinder mal hinter ein Gebüsch lockte, um vor uns exhibitionistische Handlungen auszuführen. Wir erzählten zu Hause davon und kurz danach verschwand Erich auf Nimmer­wiedersehen. 

Die Küche der Großeltern war schon immer dunkel, erinnere ich mich. Aber heute dringt durch einen Türspalt aus dem benachbarten Ladenraum gleißende Helligkeit herein, denn die Nachmittags­sonne scheint voll durch das große, blind gewordene Schaufenster. Die Verkaufs­theke ist verschwunden, stattdessen auch hier leere Bierbüchsen, kaputte Regale, Scherben und Abfall.  Ich schnuppere intensiv die Luft und glaube noch eine Spur jenes unvergess­lichen Dufts zu entdecken, der sich aus dem Gemisch von Gewürzen, Salz- und Heringsfässern, Bonbons etc. zusammensetzte.

In der Nachkriegszeit wurde Großmutter hier im Laden oft  auf hinterhältige Art bestohlen: zwielichtige Kunden kamen und schickten sie nach Bier in den Keller, um in der Zwischenzeit über die Theke zu springen und und teure Schnapsflaschen in den Taschen verschwinden zu lassen. Einmal nahm meine Mutter mit dem Fahrrad erfolgreich die Verfolgung auf und konnte die Herausgabe des Diebesgutes erzwingen. 

Ich setze meinen Rundgang fort. Jetzt bin ich in der "Guten  Stube" der Großeltern angelangt. Ich sehe sie hier aufgebahrt, als das ganze Dorf von ihnen Abschied nahm: 1951 vom Großvater, 1955 von der Großmutter. Feierliche Männer in schwarzen Zylindern brachten sie anschließend zum nahegelegenen Friedhof auf dem Kirchberg.  
Die "gute Stube" sah in ihren Wänden aber auch viel von dem, was wohl Goethe mit "Tages Arbeit , Abends Gäste - saure Wochen, frohe Feste" meinte. Jetzt ist im großen, an holzgetäfelten Zimmer nichts ist mehr vom Glanz vergangener Zeiten zu spüren, Teile der niedrigen Decke sind einge­brochen und dort wo früher einmal das Klavier stand, türmt sich der Unrat. 

Im finsteren Keller

Ich bin nun bereit für einen Abstecher in das weiträumige Keller­gewölbe, das sich in zwei parallelen Gängen nach hinten in den Berg hineinbohrt. Ich stemme mich gegen die eiserne Tür, bis diese schließlich quietschend nachgibt. Feuchte Kühle und totale Finsternis schlagen mir entgegen. Das elektrische Licht funktioniert nicht mehr und so bewege ich mich tastend auf den großen steinernen Fußboden­platten vorwärts, blind vertrauend auf mein Gedächtnis, in welchem jeder Winkel des Hauses unauslöschlich abgespeichert ist.
Ich passiere den langen Vorratstunnel, wo früher in Reih und Glied die Bier- und Limonadenkästen standen, dann den Kessel der Hauswasser­anlage und ahne am Echo meiner Schritte, dass Kartoffel- und Kohlenkeller wohl leergeräumt sein müssen.
Nein, zu den Angsthasen zähle ich mich nicht, aber woher kommt plötzlich dieses beklemmende Gefühl? Woher auf einmal dieser kalte Luftzug und ist da nicht der leise bellende Raucherhusten des längst verstorbenen Mieters Bernhard Meschter aus dem hinteren Kellergang zu vernehmen?
Ich halte den Atem an und lausche angestrengt in die Dunkelheit - nichts, nur das unnatürlich laute Klicken eines herabfallenden Wasser­tropfens bricht sich an den feuchten Wänden. Raus hier!

Das lichte erste Stockwerk

Schneller als ich es betreten habe, verlasse ich das mir unheimlich gewordene Kellergewölbe wieder und steige erleichtert die knarrende Holztreppe zum lichtdurchfluteten ersten Stock empor. Hier liegen die Räume, in denen wir in den ersten Jahren (1943 - 1947?) und zuletzt wohnten, d.h. zwischen 1962 und 1968.  

Ich betrete das vordere Zimmer, das uns später als so genannte "Gute Stube" diente und in dem ich am 5.August 1944 bei Vollmondschein geboren wurde. Wegen Fliegeralarms - die 20km entfernte Raffinerie in Rositz wurde wieder einmal bombardiert – konnte keine Hebamme kommen, so dass mich meine Mutter, so hat sie es erzählt, hier ganz allein entbinden und abnabeln musste.

Durch die schmale Küche betrete ich die große und deshalb sehr niedrig erscheinende Wohnstube. Fast muss ich den Kopf einziehen, denn die Decke ist teilweise eingebrochen, der Rest wird von einem krummen Balken nur noch mühsam gehalten. Durch einen schmalen Spalt schimmert das Licht vom Dachboden hindurch. Dieses Zimmer ist mir fremd geworden, denn der letzte Mieter hatte zur Straße hin hässliche größere Fenster einbauen lassen und  die zur Scheune und zum Hof zeigenden Öffnungen wurden kurzerhand zugemauert.

Durch eine schief in den Angeln hängende Tür betrete ich schließlich "mein" Zimmer. Damals, während der Oberschulzeit, war dieser dämmrige Ort mein kleines Reich, hier war ich unumschränkter Herrscher, hier verbrachte ich unzählige Stunden mit meinen Radiobasteleien. Ich sehe mich sitzen, an einem alten Tisch unter dem kleinen Fenster und  mit dem Lötkolben hantierend.
Ich versuche vergeblich das Fenster zu öffnen. Wozu eigentlich? Da ist das Loch, welches ich damals für die Antennenzuleitung durch den hölzernen Rahmen gebohrt hatte. Bis spät in die Nacht lauschte ich mit meinem umgebauten Volksempfänger (bestückt mit zwei Wehrmachts­röhren RV12P2000) auf die geheimnis­vollen Morsesignale von Funkamateuren aus der fernen weiten Welt. Die Kopfhörer (ich habe sie heute noch und halte sie heilig) stammten aus dem Nachlass des "alten"  Pfarrers Paul Kühne, dem Rundfunkpionier von Rathendorf. 

Seine Witwe hatte mir damals auch all seine Hinter­lassenschaften an Kristalldetektoren, Spulen und Röhren aus den zwanziger Jahren vermacht, war ich doch als der Einzige bekannt, der an diesen Dingen überhaupt Interesse hatte. Heute wäre jedes dieser Einzelstücke eine Sammler-Rarität, damals warf ich vieles achtlos weg – ein unverzeih­licher  Fehler! 

Ich verschickte Hunderte von Empfangs­berichten, sogenannte "QSL-Karten", nach Deutschland, Europa, USA oder auch zum Südpol und freute mich, wenn Monate später eine Antwort aus geheimnisvoller Ferne eintraf.
Als QSL-Karten dienten mir die oben abgebildete Ansichtskarte unseres Hauses, die ich mit dem Stempelaufdruck "DM 1890/N, op: Walter Doberenz" versah. Damals war noch ein riesiger Kartenstapel aus den Restbeständen des Geschäfts der Großeltern vorhanden, heute hüte ich die letzten mir verbliebenen Exemplare wie meinen Augapfel. Aus heutiger Sicht war das Verschicken von Hunderten dieser wertvollen handcolorierten Postkarten sicherlich eine maßlose Verschwendung. Doch ist dem alten Haus dadurch eine verdiente Ehre widerfahren - der "Gruß aus Rathendorf" wurde gleichmäßig über den ganzen Erdball verstreut.
In meinem kleinen Zimmer war es meistens ziemlich dunkel und ich brauchte für meine Basteleien fast immer elektrisches Licht. Doch früh am Morgen schien im Frühling und Sommer für ein bis zwei Stunden die Sonne durch die kleine Fenster­öffnung, Vogel­gezwitscher und der Duft der riesigen alten Linde begleiteten mein Hantieren mit Blech, Draht und Lötkolben.

Im Jahr 1966 - ich studierte bereits das vierte Semester in Lwow (Lemberg) in der ehemaligen Sowjetunion - verbrachte ich in Rathendorf meine letzten Sommerferien, denn wenige Monate später zogen meine Eltern für immer von hier weg. Da ich mittlerweile in Rathendorf und Umgebung kaum noch gleichaltrige Freunde und Bekannte hatte, wurde es für mich ziemlich langweilig, und das konnte nicht acht Wochen so weitergehen. Ich startete also mein letztes großes Projekt in diesem kleinen dunklen Zimmer.

Nachdem ich mir in einem Dresdener Elektronik-Spezialgeschäft diverse Transistoren und andere teure Spezialteile gekauft hatte, bastelte ich in tage- und nächtelanger Arbeit die Steuerungstechnik für eine so genannte Kybernetische Schildkröte". Montiert wurde dies alles auf das Fahrgestell eines kleinen motorgetriebenen Panzers, den ich in einem Spielwarengeschäft gekauft hatte. Meine kyber­netische Schildkröte konnte automatisch Hinder­nissen ausweichen um auf eine Lichtquelle zuzusteuern. Durch Händeklatschen wurde sie so "erschreckt", dass sie für ein Weilchen stehen blieb.  Der Clou aber war, dass man ihr auch etwas "lernen" konnte.

Dieses in Rathendorf entwickelte "Tier" habe ich dann mit in die Sowjetunion genommen, um damit Dozent Gritzkiv zu beeindrucken, er war davon so begeistert, dass er mir spontan Praktikum und Prüfung im Fach "Elektronische Schaltungstechnik" erließ.  





Die abgebrochene Linde

Ein Blick aus dem kleinen Fenster zeigt mir, dass auch draußen etwas fehlt - wo ist die riesige Linde geblieben? Ich sehe einen ver­witterten, zersplitterten Baumstumpf an ihrer Stelle - hat sie der Blitz getroffen oder war es Altersschwäche? Aber die gewaltigen Wurzeln, die sich wie Krakenarme über den abschüssigen Hang erstrecken, sind geblieben und halten nach wie vor das Erdreich fest. 
Verwegen und leichtsinnig, wie wir als Jungen damals waren, hatten wir auch die Linde erklettert und ganz oben in einer leeren flachen Konserven­dose unser "Wipfelbuch" eingerichtet.
Mit einem am Bindfaden befestigten Bleistift­stummel wurden alle Klettertouren akribisch registriert.
Eine Episode aus jener Zeit kommt mir in den Sinn: Frau Köhler, eine Nachbarsfrau, rennt aufgeregt zu unserer Mutter: "Frau Doberenz, kommen Sie schnell, ihre Jungs klettern ganz oben in den Bäumen herum!".  Unsere Mutter (alles andere als eine Rabenmutter!) bleibt aber ruhig und gefasst, ist sie doch dergleichen von uns gewöhnt: "Ach, machen Sie sich nur keine Sorgen, der liebe Gott wird meine Kinder schon behüten."

Wir missachteten auch die strengen Verbote des jungen Pfarrers, auf die hohe Eiche des benachbarten Kirchengrundstücks zu klettern, denn es war ein unbeschreib­liches Gefühl, vom schwankenden Wipfel aus auf das tief unter uns liegende Haus herabzublicken oder mit den Augen in die Ferne zu schweifen.
Die damals (kurz vor der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft) noch bunten Handtuchfelder der Bauern sahen zu jeder Jahreszeit anders aus: grünende Saaten, sattgelber Raps, Kornpuppen und weidende Kühe.

Übrigens dürfen wir drei Doberenz-Brüder wohl für uns den Ruhm bean­spruchen, die letzten Kuhhirten von Rathendorf gewesen zu sein. An den Herbstnachmittagen machte sich jeder mit Stock und Gummistiefeln auf den Weg  zu "seinem" Bauern, der Büttner, Kirsten oder Thalmann  hieß, um eine Herde von ein bis zwei Dutzend der schwarz weiß gefleckten Vierbeiner auf die Wiesen zu treiben. Meist ging es bei dieser Tätigkeit, die mit 50 Pfennig pro Nachmittag alles andere als fürstlich entlohnt wurde, recht geruhsam zu. Die allgemein gutmütigen Tiere, die man alle beim Namen kannte, ließen sich willig dirigieren. 

Aber wehe, wenn die Wiese kahlgefressen war und in der Nähe die saftigen Blätter eines Rübenfeldes winkten! Angestiftet von der Leitkuh erlagen die Tiere schließ­lich reihen­weise den kulinarischen Verlockungen. Unsere Cowboy-Idylle mutierte zum Albtraum, da es so gut wie unmöglich war, die außer Rand und Band geratene Herde wieder aus Schlaraffia zu vertreiben.
Kaum hatte man mit verzweifelten Stockhieben einige Tiere auf die karge Weide zurück ge­knüppelt, waren die anderen schon wieder im Rübenfeld eingetroffen. In der Regel dominierte die Gier der Kreatur über den Schmerz der Schläge.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie mir einmal Bauer und Bäuerin  mit schwerem Prügelgerät zur Hilfe eilen mussten, um einer solchen Fressorgie gewaltsam Einhalt zu gebieten. Die Verwüstungen im Rübenacker waren beträchtlich, ich hatte dafür mit zwei Tageslöhnen zu büßen. 
Nach und nach setzten sich zu jener Zeit die elektrischen Weidezäune durch. Das geheimnis­volle Ticken aus den schwarzen Plaste­kästen, die den dünnen Draht speisten, von dem sich das Rindvieh respektvoll fernhielt, machte uns schließlich arbeitslos. Ende der fünfziger Jahre wurden die bäuerlichen Einzel­­betriebe zwangs­weise aufgelöst und zu Landwirtschaft­lichen Produktions­­genossen­schaften (LPGs) zusammen­geschlossen –  auch die Ära der Kuhhirten war damit unwiederbringlich vorbei.

Auf dem staubigen Dachboden

Eine wackelige Holztreppe führt von der  Rollkammer hinauf zum weitläufigen, zweige­schossigen Oberboden. Die Stufen sind teilweise abgebrochen, ich muss mich in acht nehmen, um nicht abzurutschen. Die jetzt vor mir liegende große leere Fläche ist licht­überflutet, Staub und Spinnenweben vor den Fenstern können der ein­dringenden Sonne nur schwachen Widerstand entgegensetzen. Im Winter und bei schlechtem Wetter konnten wir Kinder hier oben sogar Fahrrad fahren. Jetzt dringt Feuchtigkeit durch das an mehreren Stellen defekte Dach, die Spuren ausgetrockneter Wasserlachen überdecken die staubigen Holzdielen.
Ich verzichte darauf, noch eine Etage höher auf den Spitzboden zu steigen, stattdessen wende ich mich der dunklen Kammer zu, die den Zwischenbau mit dem Kleinen Haus verbindet.
Durch eine stabile Holztür mit brutal herausgerissenem Schloss gelange ich in den langgestreckten Verschlag, der von einem winzigen Dachfenster spärlich erleuchtet wird. Im Halbdunkel stolpere ich über herumstehende Kisten und Kartons, Akten und Büchern liegen auf dem Fußboden verstreut.
Dieser Teil des Dachbodens war seit dem Auszug unserer Familie aufgrund einer Regelung mit dem neuen Hauseigentümer (Bürger­meister Max Unger) in unserer Obhut geblieben. Offensichtlich sind aber die zwielichtigen  Mieter, die in den Jahren nach der Wende in der unteren Wohnung hausten, auch hier eingebrochen und haben alles aus ihrer Sicht verwertbare beiseite geschafft.

Ich schleppe einen brüchigen und von Nässe durchfeuchteten Karton zum erblindeten Dach­fenster, um den Inhalt bei Licht zu inspizieren. In der Mitte finden sich trocken ­gebliebene Geschäfts­bücher der Groß­eltern. In Omas gestochen klarer deutscher Tintenschrift sind Ein- und Ausgaben für den kleinen Laden aus dem Jahr 1908 akribisch vermerkt. Ich stoße auf Vaters Schulhefte von 1922 und halte eine von der Feuchtigkeit stark angegriffene Kopie seiner in Weimar abgefassten Ingenieurarbeit in den Händen.  

In einem verstaubten Aktenordner finde ich den zähen Behörden-Schriftwechsel zu Vaters Autobestellung, der sich  über mehrere Jahre hinzog. Sein schöner PKW F7 war nämlich 1945 von den Russen entschädigungslos beschlagnahmt worden.
1963 stand dann endlich der neue Trabant in der Scheune - Vaters ganzer Stolz.
Diese absurde Akte, gefüllt mit Dringlichkeitsanträgen und Stellungnahmen des Arbeitgebers (VEB Energieversorgung Karl Marx Stadt) erscheint es mir wert, als Beweismittel für spätere Generationen erhalten zu bleiben. Außerdem packe ich noch einige gut erhaltene Mathematik- und Geographie-Lehr­bücher aus den zwanziger Jahren ein.  


Der "Kompass fürs Leben"

Schon will ich die Dachkammer wieder verlassen als mein Blick auf ein Buch mit buntem zerrissenen Schutzumschlag fällt. Ich wische den Staub weg und lese "Kompass fürs Leben" von Professor Nikolai Janzen. Ach ja, dieses Buch hatte mir 1962 auf der EOS Rochlitz mein  Schuldirektor Krügel persönlich überreicht. Das war im Anschluss an eine „hochnotpeinliche Befragung“ im Lehrerzimmer, ich war wegen unbedachter Äußerungen über die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) von Mitschülern beim Rex denunziert worden. 
Ich hatte wohl gesagt, dass man diese Organisation eigentlich abschaffen könne, weil der Zweite Weltkrieg ja nun schon lange genug vorbei sei. Wegen dieser Naivität wäre ich fast von der "Roten EOS" geflogen, man wusste sehr wohl dass ich der Sohn eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds war und darüber hinaus nicht an der Jugendweihe teilgenommen hatte und außerdem christlich erzogen wurde und die "Junge Gemeinde" besuchte. Der Rektor aber, dem wahrscheinlich meine schulischen Leistungen imponierten, glaubte offensichtlich, dass er mich noch umerziehen könne.
Ich blättere im Buch und lese im Schlusskapitel:
Die Forderungen an die sozialistische Moral  müssen hoch sein weil sie den ehrlichen werktätigen Menschen zu großen Leistungen, zu Heldentaten des sozialistischen Aufbaus anspornen und mobilisieren sollen. Geistige und moralische Zwerge, wie sie der Kapitalismus hervorbringt, sind dazu nicht fähig..

Daneben steht meine mit Bleistift geschriebene Anmer­kung:
Der Sozialismus selbst ist es, der immer mehr Zwerge hervorbringt.

Offensichtlich hatte ich schon damals die Geduld mit den marxistischen Theorien verloren, die man uns im Geschichts- und Staatsbürgerkunde-Unterricht eintrichterte und die sich immer offensichtlicher niemals in Taten umsetzen ließen, andererseits aber das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit schürten. 
Die letzten beiden Jahre an der Rochlitzer EOS hatte ich endgültig gelernt, wie ich mich verhalten musste, um im Leben vorwärts zu kommen, also mit einem gespaltenen Ich zu leben und nie mehr öffentlich meine ehrliche Meinung zu sagen.

Bei der feierlichen Ausgabe der Abiturzeugnisse hat mir Rektor Krügel persönlich das „Goldene Schulabzeichen“ angeheftet. Wie ich erst später aus vertraulicher Quelle erfuhr, war er zur NS-Zeit selbst ein überaus eifriger Hitlerjunge gewesen.





Fortsetzung folgt